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Literatur : «Die Spieluhr»: Magische Novelle von Ulrich Tukur

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Die Gegenwart ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Zumindest ist sie keine verlässliche Zeitzone: Eine Fahrt über eine Brücke oder ein Blick auf ein Gemälde reichen und man landet in anderen Sphären - magischen und bisweilen gruseligen, in jedem Fall vergangenen.

Auf eine solche Zeitreise entführt der Schauspieler und Autor Ulrich Tukur in seiner Novelle «Die Spieluhr». Die Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit schildert, wie ein Schauspieler auf den Spuren eines Kunstsammlers wandelt und allmählich nicht nur in dessen Lebensgeschichte gerät, sondern noch viel tiefer in die Vergangenheit vordringt.

Alles beginnt an einem Filmset in Nordfrankreich: Ein Schauspieler - der gut auch Tukur selbst sein könnte - schildert die Dreharbeiten zu dem Film «Séraphine», der die wahre Geschichte der Malerin Séraphine de Senlis erzählt, eine der bedeutendsten Vertreterin der naiven Malerei. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch Zufall von dem deutschen Kunstsammler Wilhelm Uhde entdeckt, der sie nicht nur förderte, sondern auch ein enger Freund von ihr wurde, bis sie schließlich dem Wahnsinn verfiel und in der Psychiatrie landete.

«Séraphine» gibt es tatsächlich, 2009 kam der Film mit Tukur als Wilhelm Uhde in die Kinos. So hat man bei den Schilderungen des Ich-Erzählers stets Tukur vor Augen - und fragt sich schon bei der Geschichte über Regieassistent Jean-Luc, ob sie vielleicht wirklich passiert sein könnte. Jean-Luc nämlich, so schildert es der Erzähler, gerät auf der Suche nach dem einstigen Atelier von Séraphine angeblich in ein uraltes Schloss mit einem zwielichtigen Hausherren, spukhaften Gemälden und allerlei unwirklichen Szenen wie aus einem barocken Kostümfilm. Natürlich glaubt ihm am Set später niemand - und auch das Schloss ist verschwunden, als das Filmteam danach sucht.

Richtig unheimlich wird es schließlich, als den Regieassistenten bald darauf das gleiche Schicksal ereilt wie einst die echte Séraphine. Da ist der Erzähler längst auf der Suche nach dem alten Schloss, bis die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen.

Dabei entwickelt die Novelle von Anfang an einen spannenden Sog, der den Leser tief in eine vielschichtige und äußerst klug konstruierte Geschichte zieht. Tukur entwirft in präziser Sprache opulente Bilder, wenn er bis in die Rokoko-Zeit vordringt oder gekonnt mit Gruselelementen spielt, wenn er seine Figuren durch das alte Schloss jagt und verwunschenen Bildern verfallen lässt.

Der 56-Jährige gestand allerdings, dass er mit der literarischen Gattung im Grunde gar nichts anfangen kann. «Ich weiß bis heute nicht, was eine Novelle ist», sagte er am Rande der Frankfurter Buchmesse. Er habe sein Buch lediglich Novelle genannt, weil es für eine Erzählung zu lang und auch kein echter Roman sein, betonte er.

Tukur zählt zu den bekanntesten deutschen Schauspielern («Tatort», «Das weiße Band», «Ein fliehendes Pferd») und veröffentlichte bereits 2007 den Erzählband «Die Seerose im Speisesaal», den viele Kritiker lobten. Am 19. Oktober erhält der Künstler, der mit seiner Frau in Venedig lebt, den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2013.

Homepage Ulrich Tukur

Buchbeschreibung

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erstellt am 15.Okt.2013 | 09:51 Uhr

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