zur Navigation springen

Literatur : «Die Sonnenposition»: Wenig Licht und viel Schatten

vom

Frankfurt/Main (dpa) – Altfried, Odilo, Mila. Es dauert lange, bis der Leser diese drei Menschen kennenlernt. Lange bleiben die Hauptpersonen in dem Roman «Die Sonnenposition» von Marion Poschmann (43) im Dunkeln.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2013 | 16:17 Uhr

Die Autorin interessiert sich mehr für die Streiflichter am Wegesrand als für deren Geschichte.

Die wäre auch schnell erzählt: Altfried, dem die Menschen ob seiner Leibesfülle eine innere Ruhe unterstellen, die ihm in Wahrheit völlig abgeht, arbeitet und wohnt als Psychiater in einem verfallenen Schloss in Ostdeutschland. In seiner Freizeit jagt er mit der Kamera Prototypen neuer Autos, sogenannte Erlkönige. Sein bester Freund Odilo, ein Snob und Muttersöhnchen, ist soeben gestorben. Dessen Beruf und Hobby waren selbstleuchtende Fische. Altfrieds Schwester Mila, angesagte Modedesignerin in Berlin, trägt die alten Kleider einer schrulligen Tante auf, zieht ihre Katze mehrmals täglich um und hatte eine Affäre mit Odilo, was Altfried nicht weiß.

Um all das geht es aber nicht. Es geht um den Wunsch, unsichtbar zu werden, um die Sehnsucht von innen heraus zu leuchten oder um ein Gefühl des Gestrandetseins in einem falschen Leben - um nur ganz wenige Beispiele zu nennen. Statt drei Menschen zu gestalten und ihre Beziehung auszuleuchten, schreibt Poschmann über Zerfall und Vergänglichkeit am Beispiel des maroden Schlosses, über Männerfreundschaft anlässlich einer nächtlichen Wanderung durch den Wald.

Sie tut das auf eine impressionistische Art und Weise, der man anmerkt, dass die Lyrik ihr eigentliches Metier ist. Verben und ganze Sätze sind selten. Statt einer Handlung reiht sie Beobachtungen und Assoziationen aneinander: «Feine Zweige. Ein gewisses Licht. Verhangen. Nachmittäglich. Schon im Schwinden begriffen. Zwischen den Zweigen die Leere.»

Zum Verschnaufen gibt es zum Glück einige Inseln mit kompakten Geschichten, in denen die Lyrikerin dann doch als Erzählerin überzeugt: Knappe Krankengeschichten von Patienten, das grausame Schicksal der Großeltern kurz vor der Vertreibung aus Polen, eine absurd-komische Erinnerungsreise der Geschwister Jahrzehnte später.

Wenn man in der Lage ist, sich darauf einzulassen, kann man in der «Sonnenposition» beeindruckende, tiefe, ja geniale Stellen finden – etwa, wenn Poschmann ein Dutzend verschiedene Arten von Leere beschreibt. Hut ab. Flüchtige, sich gern an Handlung und Dialogen entlang hangelnde Leser werden die Sprache anstrengend finden. Das Assoziative erfordert eine Konzentration, die man in einem Gedicht bereit ist zu leisten, die einem auf knapp 400 Seiten aber doch viel abverlangt.

- Marion Poschmann: Die Sonnenposition, 338 Seiten, Suhrkamp, 19,95 Euro, ISBN 978-3-518-42401-8

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen