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Literatur : Die Rettung dänischer Juden: Neue Darstellung

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Anfang Oktober 1943 konnten fast alle Juden aus Dänemark vor der unmittelbar bevorstehenden Deportation ins neutrale Schweden fliehen.

Zum 70. Jahrestag dieser wunderbaren Rettung vor deutschen Vernichtungslagern rollt der Historiker Bo Lidegaard in «Die Ausnahme» noch einmal neu auf, wie und warum fast 8000 Verfolgte bei Nacht und Nebel über den Öresund entkommen konnten. Den deutschen Besatzern Dänemarks gingen bei ihren Razzien knapp 500 Juden ins Netz, die nach Theresienstadt deportiert wurden.

Mitunter atemlos verfolgt man vor allem bei den ausführlich zitierten Aufzeichnungen Betroffener, wie die dänischen Juden innerhalb von Stunden aus ihrem dort noch verblüffend sicher scheinenden Alltag gerissen und plötzlich die Flucht antreten mussten: wo unterkommen, wie einen Platz auf einem Fischerboot Richtung Schweden ergattern? Überwältigend die immer neuen Beispiele für Hilfsbereitschaft Fremder, die der Zufall zu Beteiligten an dieser Massenflucht gemacht hatte.

«Die dänischen Juden wurden von der konsequenten Einmischung ihrer Landsleute geschützt», schreibt Lidegaard. Dieser Satz hat unendliches Gewicht eingedenk des Wegsehens und Mitmachens bei allen Stufen der Judenverfolgung in Deutschland und in von den Nationalsozialisten eroberten Ländern.

Genauso unstrittig ist, was der dänische Historiker über das Verhalten der deutschen Besatzer bei den Razzien festhält: Hitlers «Reichsbevollmächtigter» Werner Best ordnete die Deportation einerseits an, ließ dann aber beide Augen zudrücken, weil er nur so die Weiterführung der betont weichen Besatzungspolitik für möglich hielt: Die Kooperation mit Kopenhagener Politikern war auch das Fundament für Dänemarks Rolle als zuverlässiger Lebensmittellieferant der Wehrmacht. Mindestens genauso wichtig dürfte bei Best und anderen auch das Streben nach persönlicher Absicherung für den Fall der schon wahrscheinlich gewordenen deutschen Niederlage gewesen sein.

Höchst strittig allerdings fällt Lidegaards zentrale These zur Rolle der sonst so brav mit den Deutschen kooperierenden Verantwortlichen in Kopenhagener Regierungsbüros aus: «Die größten Helden der Rettungsaktion aber waren die Spitzenpolitiker.» Sie hätten vorher «über ein ganzes Jahrzehnt», also seit Hitlers Machtantritt, dafür gesorgt, dass Juden in Dänemark nicht als «sie» gegenüber «wir» (Dänen) ausgegrenzt worden seien. Dass dieselben Verantwortlichen dänische Kommunisten bereitwillig an die Gestapo ausgeliefert und deutschen Juden auf der Flucht Hilfe um des Friedens mit den Nazis willen verweigert hatten, erwähnt Lidegaard durchaus.

Dies verdunkelt für ihn aber nicht den Glorienschein der in Dänemark höchst kontrovers diskutierte Kopenhagener Kooperationspolitik gegenüber den Berliner Machthabern. Lidegaard, im Hauptberuf Chefredakteur der liberalen Zeitung «Politiken», will damit, wie er im eigenen Blatt ergänzt hat, ausdrücklich auch dem früheren Kopenhagener Regierungschef und jetzigem Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen widersprechen, der vor genau zehn Jahren die Kooperationspolitik als feiges Kneifen der Dänen vor einem Verbrecherregime attackiert hatte. Er hatte damit auch Dänemarks Eintritt in den US-Krieg gegen den Irak begründet.

Das mag unter Dänen interessante Debatten auslösen. Kurzatmige politische Parallelisierungen historisch komplexer Ereignisse wie dem Holocaust und dessen weitgehender Verhinderung in Dänemark sollten sich aber für ein umfassend angelegten Buch eines Historikers verbieten. Lidegaards Kopenhagener Kollege Bent Blüdnikow hat in «Berlingske Tidende» moniert, dass in «Die Ausnahme» die Rettung der dänischen Juden und die Kopenhagener Kooperationspolitik während der Besatzungsjahre isoliert von Krieg und Holocaust insgesamt als «Heimatkunde» dargestellt werde: Dänemarks Rolle als sich zunächst ohne Gegenwehr ergebender und dann kooperierender Agrar-Lieferant habe die Nazi-Wirtschaft stabilisiert und damit «tragische Konsequenzen für Juden außerhalb der eigenen Grenzen gehabt».

All das ist immerhin diskutabel. Indiskutabel schlecht ist die Übersetzung des Buches ausgefallen. Wenn aus den Begriffen «Völkermord» im dänischen Original und «Genozid» in der englischen Übersetzung in der deutschen Version mal eben «Verschwinden» wird, kann das bei einem Buch zum Thema Holocaust nicht akzeptiert werden.

Der dazugehörige Satz steht beispielhaft für oft fehlerhaftes, unbeholfenes und oft auch sinnwidriges Deutsch: «Gefördert wurde dieses allgemeine Bedürfnis nach Wissen auch durch die Tatsache, dass die NS-Führungsriege das Verschwinden der Juden aus den Gesellschaften mit so glühenden Hetzreden vorbereitet hatte.»

In der englischen Übersetzung, nach der die deutsche entstand, steht merkwürdigerweise, fehlende Einsicht in den Völkermord habe auch an den «normalerweise glühenden Formulierungen» der Nazi-Führung gelegen. Auch das schon ein Übersetzungsfehler, wie dem dänischen Original zu entnehmen ist: «Einer der Gründe für die fehlende Einsicht war, dass (auch) die Nazi-Führung den Völkermord in nebulösen Formulierungen vorbereitet hatte.»

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erstellt am 09.Okt.2013 | 16:17 Uhr

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