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Literatur : Die Falschspieler: Daniel Kehlmanns «F»

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Von Sibylle Peine, dpa

Berlin (dpa) - Ist es Schicksal oder Zufall, was unser Leben bestimmt? Gibt es einen allwissenden vorausplanenden Gott oder existiert gar keine ordnende Kraft, sondern nur eine chaotische Abfolge von Ereignissen?

«Der Zufall ist mächtig», heißt es in Daniel Kehlmanns neuem Roman, «und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal.» So wie Iwan, der geniale Kunstfälscher, der ein absurdes Zufallsende findet.

Daniel Kehlmann (38) schrieb vor acht Jahren mit «Die Vermessung der Welt» einen der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane überhaupt. Sein neues Buch heißt einfach nur «F» wie Fatum oder Schicksal, vielleicht auch wie Friedland oder Fälscher. Denn von all dem handelt dieses Buch, das zu den 20 auserwählten Werken für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt/Main gehört.

Es erzählt die Geschichte dreier Brüder, Falschspieler und Hochstapler, die sich mit erstaunlicher Geschicklichkeit durchs Leben mogeln. Richtig sympathisch ist in der Familie Friedland eigentlich niemand. Vater Arthur, ein erfolgloser Schriftsteller, verlässt seine Söhne von einem Tag auf den anderen, nicht ohne vorher noch das Konto leergeräumt zu haben. Erst als die Söhne erwachsen sind, taucht er wieder auf. Ein nihilistischer Roman mit dem Titel «Mein Name ist Niemand» hat ihn in der Zwischenzeit berühmt gemacht. Die Hauptfigur in diesem Roman ist ein junger Mann namens F. Der schwarze Roman verleitet viele Leser zum Selbstmord.

Die drei Söhne schlagen ganz unterschiedliche Lebenswege ein. Und doch haben sie eins gemein: Keiner von ihnen ist tatsächlich der, der er zu sein vorgibt. Martin wird Priester, obwohl es ihm schwer fällt, an Gott zu glauben. Ratsuchenden Gläubigen im Beichtstuhl ist er deshalb nur bedingt eine Hilfe. Seine wahre Leidenschaft gilt sowieso dem Spiel mit dem Rubik-Zauberwürfel und dem Essen. Immer wieder wird der übergewichtige Priester von peinlichen Fressattacken überfallen.

Martins Halbbrüder Eric und Iwan sind Zwillinge, «gefangen im Rätsel ihrer Verdoppelung». Eric kann sein halbseidenes Leben als Investmentbanker nur mit immer größeren Dosen an Aufputschmitteln ertragen, die wiederum böse Alpträume auslösen. Sein Privatleben ist eine Farce, beruflich balanciert er am Abgrund. Schon selbst so gut wie bankrott, bringt er andere Menschen noch um ihr Vermögen. Ironischerweise geht er als Krisengewinnler aus dem Bankenkollaps hervor und hält sich prompt für einen Auserwählten Gottes.

Der schwule Iwan hat das Fälschen gleich ganz zum Beruf gemacht. Bei seiner Arbeit stößt er auf einen eher mittelmäßig talentierten Maler, der jedoch durch sein aristokratisches Aussehen und Gehabe prima zu vermarkten ist. Alle mit Heinrich Eulenböck gezeichneten Bilder, die er zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt verkauft, stammen in Wahrheit von ihm. Nach dem Tod Eulenböcks beerbt er sich quasi selbst. Doch mit Iwans durch einen tragischen Zufall herbeigeführten Tod ist die Eulenspiegelei noch keinesfalls zu Ende. In der aberwitzigen «Karriere» des Mörders findet sie eine groteske Fortsetzung.

Wie in einem bunten Jahrmarktzauber und einem Vexierspiel bereitet Kehlmann beunruhigende Fragen menschlicher Existenz auf. Trotz des düsteren Grundtenors und der immer wieder anklingenden Sinnfrage weist «F» auch viele erheiternde, komische und satirische Momente auf, in denen der Autor die Absurdität des Lebens persifliert. Der Roman ist ein Kunstwerk, gespickt mit Anspielungen und einer Doppelbödigkeit, die sich erst nach und nach erschließt und zu zahlreichen Deutungen Anlass gibt. Man wird ihn deshalb immer wieder auf neue Art lesen können.

- Daniel Kehlmann: F. Rowohlt Verlag, Reinbek, 384 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-498-03544-0

Daniel Kehlmann

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erstellt am 09.Sep.2013 | 13:13 Uhr

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