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Literatur : Der Mann mit der Wundertüte: Henri Nannen

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Es gibt dieses berühmte Foto aus Moskau: Da schreitet Henri Nannen würdevoll zusammen mit Konrad Adenauer im Kreml eine Treppe herab, umringt von den Mitgliedern der sowjetischen Regierung.

Nannen ist der Erste, der einem ins Auge fällt, vielleicht, weil er so groß ist und sich so aufrecht hält. Das war 1955, damals war er noch ein Nobody. Aber seinen Platz hatte er schon gefunden: Immer in der ersten Reihe, immer ganz vorne mit dabei, immer einen Schritt schneller, notfalls findet er einen Trick, die anderen hinter sich zu lassen. Auch darin war Henri Nannen genial. Der Chefredakteur des «Stern», der am 25. Dezember 100 Jahre alt würde, hatte allerdings auch ganz andere Seiten.

Stephanie Nannen ist seine Enkelin und selbst Journalistin. Sie hat ein Buch über ihren Großvater geschrieben, der 1996 gestorben ist: «Henri Nannen. Ein Stern und sein Kosmos». Es zeigt den in Emden geborenen Journalisten, der den «Stern» zum erfolgreichsten und auflagenstärksten Magazin Deutschlands machte, mit allen Facetten: als gnadenlosen Perfektionisten, der bis zuletzt an jedem Heft feilte, als überragenden Blattmacher, der einen sicheren Instinkt dafür hatte, was gute Geschichten sind, als cholerischen Machtmenschen und Kotzbrocken, der seine Mitarbeiter runterputzte und in der Redaktion mit Schreibmaschinen um sich warf und als schwierigen Partner und Ehemann, in dessen Leben die übrigen Familienmitglieder Randfiguren blieben.

Nun sind enge Verwandte selten in der Lage, bei solchen biografischen Projekten die nötige Distanz zu bewahren. Wenn es ganz dumm läuft, ist das Ergebnis wahlweise sentimentale Heldenverehrung oder posthumer Racheakt. Aber das hat Stephanie Nannen gut hinbekommen: Sie bringt einerseits viele persönliche Erinnerungen ein. Aber sie hat andererseits umfangreich recherchiert, viele Gespräche mit Nannens Kollegen und Weggefährten geführt und bergeweise Literatur gelesen über ihn und die Mediengeschichte seiner Zeit. Dass ihr es nicht ganz leicht fällt, zum Objekt ihres Buches eine klare Position zu beziehen, sieht man schon daran, dass sie manchmal in einem Satz von «Nannen» spricht und im nächsten von «mein Großvater». Trotzdem ist das Buch ausgesprochen gelungen.

Zugegebenermaßen ist Nannens Leben ein ergiebiger Stoff, angefangen von der Kindheit in Emden als Sohn eines sozialdemokratischen Polizisten, der von den Nazis abserviert wird, über das Studium in München und seine Zeit als Kriegsberichterstatter und Bordschütze im Zweiten Weltkrieg. Ein Nazi ist Nannen nie gewesen, im Gegenteil. Aber sich den Nazis nicht klar genug widersetzt zu haben, hat er sich immer wieder vorgeworfen. Und sein Engagement für die Ostpolitik Willy Brandts beispielsweise hat seine Wurzeln auch in diesen Erfahrungen.

Den «Stern» machte Nannen schon seit 1948. Doch die große Zeit des Blattes waren die 60er und 70er Jahre. Das Magazin, auflagenstark und einflussreich, sollte eine Wundertüte sein. Was da so rauspurzelte, kommt einem heute manchmal etwas seltsam vor. Viel nackte Haut und pralle Brüste gehörten spätestens seit den 70ern dazu, nicht selten in Kombination mit zweideutigen Formulierungen, die mittlerweile nach Altherrenwitz klingen.

Daneben gab es aber immer wieder auch Titel, die Debatten anstießen wie der über Frauen, die im «Stern» bekannten «Ich habe abgetrieben». Nannens Zeit als «Stern»-Chefredakteur endete 1980. Die peinliche Pleite mit der Titelgeschichte über die angeblichen Hitler-Tagebücher hatte er nicht mehr zu verantworten. Der Streit in der Redaktion um die Konsequenzen daraus, gehört zu seinen grausamsten Tagen als Journalist. Stephanie Nannen beschreibt das sehr eindrucksvoll.

Ausgesprochen gut gelingt ihr auch, den späten Nannen zu porträtieren, der sich weniger für die Hamburger Medienwelt und mehr für die Kunst interessierte. Denn auch das war Sir Henri: Sammler, Kunstliebhaber, jemand, der sich meditativ in Bilder versenken konnte und ihnen schließlich ein Haus baute: die Kunsthalle in Emden.

Am Anfang ihres Buches schreibt Sephanie Nannen «Die Frage lautet: Wer war Henri Nannen wirklich?». Das lässt sich nicht abschließend beantworten. Aber ihr Buch hilft, ihren Großvater besser zu verstehen - in allem, was ihn ausmacht. Und auch wenn Nannen menschlich nicht gerade immer einfach war, am Schluss werden sich die meisten Leser der Autorin anschließen: «Er hat Sichtweisen verändert, Tabus gebrochen. Er und sein "Stern" gehören zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik.»

Stephanie Nannen, Herni Nannen: Ein Stern und sein Kosmos, C.Bertelsmann Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3570101520

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erstellt am 09.Okt.2013 | 17:51 Uhr

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