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Literatur : Der Brasilianer Michel Laub schreibt über Auschwitz

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Der Großvater hat Auschwitz überlebt und ist nach Brasilien ausgewandert. Über seine traumatischen Erlebnisse in dem Vernichtungslager hat er nie gesprochen, und ist ihnen nie entkommen. Er nimmt sich das Leben, als sein Sohn gerade 14 Jahre alt ist.

Das bedrückende Schicksal des Vaters prägt nicht nur den Sohn, sondern auch den Enkel, den Erzähler des «Tagebuchs eines Sturzes», der seinen Großvater gar nicht kannte. Mit seinem fünften Roman legt der brasilianische Autor Michel Laub ein offensichtlich autobiografisch gezeichnetes Werk vor.

Der Journalist und Schriftsteller wurde 1973 im brasilianischen Porto Alegre geboren, wohin es den Großvater in seinem Roman verschlägt, beide haben jüdische Wurzeln. Laub, dessen Werke preisgekrönt sind, gehört zu den 70 Autoren, die das Gastland Brasilien bei der Buchmesse im Herbst in Frankfurt am Main vertreten. Sein 2011 auf Portugiesisch erschienenes Werk wurde jetzt ins Deutsche übersetzt. Laub beginnt mit dem Großvater, der vor seiner Selbsttötung an «einer Art Traktat über die Welt (schrieb), wie sie sein sollte». Kein Wort in den 16 Heften über die Schifffahrt nach Brasilien oder gar über Auschwitz, wo die ganze Familie des Großvaters umkam. Laub nennt noch eine andere Leerstelle: Der Großvater erwähnt kein einziges Mal, was er für den Sohn empfindet, der sich wiederum vom Vater verlassen fühlt.

Der Vater spricht viel über das, worüber der Großvater schwieg. Auschwitz und die Folgen werden schließlich sogar zum Thema eines handgreiflichen Streits zwischen Vater und Sohn - eine der Schlüsselszenen des Romans.

Der Vater beginnt am Ende seines Lebens ebenfalls zu schreiben, aber anders als der Großvater notiert er seine Erinnerungen, schreibt, «wie die Dinge in Wirklichkeit waren». Schwere Alkoholprobleme und das Ende seiner dritten Ehe vor Augen: der Erzähler der dritten Generation scheint ebenfalls am Ende zu stehen, als er zu schreiben beginnt - doch in Wirklichkeit steht er vor einem Anfang, wie dem Leser erst allmählich klar wird.

Der Erzähler Laub schreibt auf, was er nicht sagen kann. Er stellt sich dem schlimmsten Erlebnis seiner Jugend, das für ihn nachhaltige Folgen bis in die dritte Ehe hat: Der Sturz eines nicht-jüdischen, sozial benachteiligten und unbeliebten Mitschülers. Dieser wird bei einer Feier schwer verletzt, weil der Erzähler und seine Schulkameraden ihn in die Luft werfen, aber entgegen des Brauchs nicht auffangen, sondern einfach auf den Boden knallen lassen. Der Versuch, es wieder gut zu machen, führt wiederum zu Leid und Schuld.

Das Leid der Vorfahren vermischt sich in dem «Tagebuch» auf beklemmende Weise mit dem Schmerz, der Ausgrenzung, der Schuld und der Scham, die der Erzähler selbst erlebt und auf sich nehmen muss. Laub gelingt eine eindrucksvolle Generationengeschichte dreier Männer, deren Erlebniswelten wie ein dichtes Gestrüpp miteinander verworren sind, was sich in teils langen Sätzen spiegelt.

Der mitunter beklemmende Roman bleibt aber nicht undurchdringlich. Am Ende deutet sich ein Hoffnungsschimmer an, ein Ausweg aus dem Gefängnis der Gewalt, Ohnmacht, Sprachlosigkeit, Schuld und Scham.

- Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes, Klett-Cotta, Stuttgart, 176 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-608-93972-9

Verlag Klett-Cotta über den Roman

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erstellt am 03.Sep.2013 | 11:27 Uhr

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