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Literatur : Clemens Meyer: «Gott ist tot. Es lebe der Sex»

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Geschichten über Frauen, die ihre Körper für Geld verkaufen, sind wohl so alt wie das Gewerbe selbst. Bücher über die Prostitution an sich und dem, was dahinter steht, gibt es ebenfalls genug. Trotzdem gelingt dem Schriftsteller Clemens Meyer («Als wir träumten») mit seinem zweiten Roman «Im Stein» ein großer Wurf.

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erstellt am 27.Aug.2013 | 15:01 Uhr

Von Nutten, Bordellbesitzern und Zuhältern über korrupte Polizisten und zwielichtige Immobilienhaie bis hin zu anschaffenden Ehefrauen spannt er einen weiten Bogen. So entsteht ein komplexes und durchaus derbes Sittengemälde einer Parallelwelt, die für den Normalbürger unsichtbar scheint, doch in unserer Gesellschaft so real ist, wie die Ortsschilder der Städte, in der sie existiert.

Der Name der «Stadt im Osten» fällt nie. Es könnte Leipzig sein oder Halle an der Saale und ist laut Meyer wohl eine Mischung aus beidem. Einmal wird sie «Eden City» genannt, aber dass der Paradies-Vergleich keiner ist, ist da schon lange klar. Es ist eine Stadt, in der Sätze fallen wie «Gott ist tot. Es lebe der Sex», und Frauen in Wohnungen auf ihre Freier warten. Wohnungen, die windige Geschäftsmänner gemietet haben. Geschäftsmänner, die ihre Macht gern ausspielen und ständig nach mehr gieren. Macht, die sie sich teilen müssen mit all den anderen Akteuren der Nacht - wobei das Geschäft, auch das mit dem Sex, oft genug bei Tageslicht stattfindet. Der Polizist etwa besucht seine Herzensnutte am liebsten frühmorgens vor Dienstbeginn.

Stark an diesem Kaleidoskop der Unterwelt ist, dass Meyer stets tief in die Gedankenwelt seiner Figuren vordringt. Er wechselt zwischen ihren Perspektiven und verwebt Gegenwart und Erinnerungen, stellt Realität und Träume nebeneinander. Dadurch macht er die Charaktere greifbar statt nach den üblichen Schablonen «Nutte», «Lude» oder «Gangsterboss» zu zeichnen. Das hat Anspruch - doch dieser Montagestil ist auch nicht immer einfach zu lesen. Zumal sich der zeitliche Rahmen über zwei Jahrzehnte erstreckt.

Meyer selbst - der unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde - betonte in einem Interview jedoch, nur mit dieser Erzählweise sei der Roman möglich gewesen. «Stück für Stück ergibt sich ein Bild, und dann verändert es sich wieder und wird auf seltsame Weise dadurch doch wieder plausibel», sagte er dem Fischer Verlag.

Auch wenn die Stadt, aus der die Milieustudie gezeichnet ist, nicht näher genannt wird, gibt es deutliche Bezüge zur Realität. Von den «Engeln» ist immer wieder die Rede, und natürlich ist klar, dass es dabei nur um die Rocker der «Hells Angels» gehen kann. Meyers Roman wird so nur um so aktueller - erst ein halbes Jahr ist es schließlich her, dass bei «Günther Jauch» über Zwangsprostitution und die Profiteure des Geschäfts debattiert wurde.

Können solche Diskussionen jedoch nur an der Oberfläche kratzen, dringt Meyer mit seinem Buch, mit dem er bereits 2008 begann, wesentlich tiefer. Mit mehr als 60 Frauen habe er gesprochen, unzählige Bücher und Artikel zu dem Thema gelesen. Das Faszinierende an all den Figuren, denen Meyer fast 600 Seiten widmet, sei ihre Normalität: «Das sind für mich ganz normale Leute, Teile unserer Gesellschaft und moralisch genauso integer oder nicht wie ein Investmentbanker, ein Manager, ein Vorstandsboss oder wer auch immer.»

- Clemens Meyer, «Im Stein». S. Fischer Verlag, Frankfurt, 560 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-10-402815-6

Interview mit Clemens Meyer

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