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Literatur : Buchautor Curi: Fußball definiert Brasiliens Identität

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In Brasilien hat der Fußball für die Gesellschaft entscheidende Bedeutung. Das Land definiert sich darüber - und lebt immer noch seinen Minderwertigkeitskomplex aus, sagt der Autor Martin Curi im dpa-Interview. Der seit vielen Jahren in Rio lebende deutsche Anthropologe hat gerade ein Standardwerk über den brasilianischen Fußball geschrieben.

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erstellt am 11.Okt.2013 | 11:21 Uhr

Frage: Was bedeutet Fußball für Brasilien?

Antwort: Brasilien konstruiert seine nationale Identität über den Fußball. Das geht auf die Regierungszeit unter Getúlio Vargas von 1930 bis 1945 zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Weißen ganz offen andere Ethnien diskriminiert. Vargas hat die «Rassendemokratie» als Gegenmodell zu Europa entwickelt. Man suchte dafür nach Symbolen. Brasiliens Fußball, damals schon international erfolgreich, wurde zum Gründungsmythos. Das gilt bis heute. Brasilien sieht sich nicht als rassistisch - auch wenn die Realität anders aussieht.

Frage: Was ist, wenn die brasilianische Fußballmannschaft diesen Mythos nicht einlöst, also wenn sie verliert?

Antwort: Es gibt in Brasilien immer nur Top oder Flop. Was zählt, ist nur der erste Platz. Ich glaube, das zeigt letztlich auch den Minderwertigkeitskomplex der Brasilianer.

Frage: Sie sprechen im Buch vom Straßenköter-Komplex...

Antwort: Der Begriff stammt von dem Schriftsteller Nelson Rodrigues. Er glaubt, dass die Brasilianer sich gegenüber anderen Ländern als minderwertig betrachten. Dies gilt auch für den Fußball. Jede WM soll helfen, diesen Komplex zu überwinden. Wenn die Brasilianer gewinnen, dann können sie richtig arrogant und unangenehm werden - wie zuletzt 2002. Scheitert Brasilien wie 2006, dann wird das eigene Land schlecht gemacht. Dann heißt es, wir sind ein Dritte-Welt-Land, in dem nichts funktioniert. Über den Fußball wird also die Lage der Nation definiert.

Frage: In diesem Sommer hat es vor dem Confed-Cup eine Protestwelle gegen teure Stadien und teure Plätze gegeben. Wollen die Brasilianer die WM nicht?

Antwort: Ich glaube nicht, dass die Brasilianer gegen die WM sind. Sie sind aber gegen eine vom Weltfußballverband FIFA diktierte WM. Die Regierung und die FIFA haben jetzt jeweils noch Zeit, auf die Forderung der Bevölkerung einzugehen. Das werden die wohl auch machen. Die FIFA will ihr Produkt WM gut verkaufen. Und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff steht nächstes Jahr zur Wiederwahl an. Sie hat jetzt Reformen unter anderem im Bereich Bildung und Gesundheit angekündigt.

Frage: Sie haben im Buch auch zum Beitrag der Deutschen im brasilianischen Fußball recherchiert...

Antwort: In erster Linie haben die Engländer den Fußball nach Brasilien gebracht. Der deutsche Anteil wird dabei gerne vergessen. Nach der deutschen Migrationswelle im 19. Jahrhundert hat das deutsche Kaiserreich Repräsentanten an strategisch ausgewählte Orte gesandt. In São Paulo wurde von Hans Nobiling der Sportklub Germania für die deutsche Kolonie gegründet. Der älteste Fußballverein wurde von einem Deutschen in Rio Grande im Süden Brasiliens gegründet.

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