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Literatur : Brasilien bietet Erzählern jede Menge Stoff

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Stefan Zweig hat es hymnisch als «Land der Zukunft» gefeiert. Der berühmte jüdische Schriftsteller wählte Brasilien als Exil auf der Flucht vor den Nazis - bis zu seinem Freitod im Jahr 1942.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2013 | 15:47 Uhr

Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis der von Zweig formulierte Anspruch in die Tat umgesetzt wurde.

Inzwischen ist das fünftgrößte Land der Erde zur wirtschaftlichen Vormacht Lateinamerikas aufgestiegen. Auf der Frankfurter Buchmesse (9. bis 13.10.) wollen die Verlage des Ehrengastlandes Brasilien zum internationalen Sprung ansetzen. Zugleich will das Gastland beweisen, dass es literarisch viel zu bieten hat. Rund sieben Millionen Euro kostet der Auftritt.

International bekannt ist Brasilien immer noch vor allem für sinnlich-exotische Bücher wie die von Jorge Amado (1912-2001), João Ubaldo Ribeiro («Brasilien, Brasilien») oder die esoterischen Bestseller von Paulo Coelho. Doch Brasiliens Literatur ist vielfältig und erzählfreudig - und oft auch provokativ. Die geografischen und sozialen Gegensätze des Riesenlandes bieten Stoff in Hülle und Fülle. In den Großstädten wurde der Alltag der Mittelklasse immer wichtiger für Literaten.

Vor allem in den großen Metropolen Rio und São Paulo leben die Leser - knapp die Hälfte der mehr als 200 Millionen Einwohner werden offiziell zum Lesepublikum gezählt. Brasiliens Buchmarkt, der für etwa die Hälfte der Buchproduktion Lateinamerikas steht, wächst dank des Bildungsbooms kräftig. Rund 700 Verlage erwirtschaften jährlich einen Umsatz von knapp zwei Milliarden Euro.

Im Vergleich zum Leseland Deutschland (rund zehn Milliarden Euro) ist das immer noch bescheiden. Dennoch wollen die brasilianischen Verlage mit Kinder- und Sachbücher jetzt gerne andere Märkte erobern. Die sozialistische Regierung hat in den vergangenen Jahren den Buchmarkt angekurbelt, um in Brasiliens notleidendem Schulsystem das Interesse am Lesen anzukurbeln. Der digitale Buchmarkt steckt aber noch in den Kinderschuhen.

An der kosmopolitischen Ausrichtung von Brasiliens Literatur haben gerade jüdische Einwanderer großen Anteil. Dazu zählt die großartige Schriftstellerin Clarice Lispector (1920-1977), die mit ihrer russisch-jüdischen Familie einst vor den Pogromen nach Brasilien flüchtete. Mit ihren avantgardistischen Büchern aus den 1940er Jahren wird Lispector, die auch zeitweise in Europa und den USA lebte, auch von Autoren wie Jonathan Franzen verehrt.

Zu den mehr als 100 literarischen Neuerscheinungen aus Brasilien, die zur Buchmesse auf Deutsch auf den Markt kommen, zählen auch Lispectors Bücher. Dabei sind aber auch jüngere Autoren wie João Paulo Cuenca, Daniel Galera, Ana Paula Maia, Carola Saavedra oder Andréa del Fuego - alles große Erzähltalente, deren Romane im globalen Zeitalter zum Teil auch außerhalb Brasiliens spielen. Mit Patrícia Melo hat das Land außerdem eine Thriller-Autorin von Rang.

Brasilien hat zur Buchmesse ein großzügiges Übersetzungsprogramm für seine Autoren aufgelegt - mehrere hundert Titel erscheinen in aller Welt. Davon profitiert auch Luiz Ruffato, der zu den kreativsten Autoren seines Landes zählt. Er hat sich mit Büchern über die kleine Leute und Arbeiter einen Namen gemacht. Mit seiner Experimentierfreude und Fabulierlust hat er Maßstäbe gesetzt. In Frankfurt wird er die literarische Eröffnungsrede halten.

Nur wenige Autoren können in Brasilien vom Schreiben leben. Zur Buchmesse kommen fast 90 Schriftsteller. Darunter ist auch Paulo Lins, ein Afrobrasilianer. Brasilien ist zwar ethnisch bunt, die Weißen sind inzwischen in der Minderheit. Doch der Buchmarkt ist wie auch das Land gespalten und von der «weißen» Mittelschicht dominiert. Lins ist da eine Ausnahme: Mit seinem Roman «Die Stadt Gottes» über die Gewalt in den Favelas von Rio hat er 1997 einen internationalen Bestseller gelandet.

Gastland Brasilien auf der Buchmesse

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