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Literatur : Botho Strauß ist «ein leiser Frager» geworden

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Vordergründig mag das neue Buch von Botho Strauß wie eine Abrechnung erscheinen, eine elitäre Abrechnung mit dem Siegeszug des Massengeschmacks in der Kultur.

Er attackiert den «Markt des breitgetretenen Quarks» in der Literatur, «dessen Autoren in digitalen Massen sich vordrängen», er sieht die Kunst liebedienerisch paktieren mit Quote und breitem Publikum.

«Von Massenbewegungen fasziniert, unterschlägt der intellektuelle Götzendienst vor dem Populären die banale Erfahrung, dass diese Anrufung, immer der Quote nach, stete Anpassung nach unten verlangt», schrieb Strauß schon in einem Vorabdruck aus dem neuen Werk «Lichter des Toren - Der Idiot und seine Zeit» vor einigen Wochen im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Doch das ist nur eine Seite. Strauß' neues Buch ist auch eine melancholische Selbstbetrachtung des Einsamen: «Mehr Mannesschatten als Mann, was da jeden Nachmittag durch die verschneiten Felder schreitet», schreibt er, und fast sieht man den 68-Jährigen durch die selbst gewählte Abgeschiedenheit der brandenburgischen Uckermark streifen.

Er ist der «Stillekoster - er kann nahezu ein Dutzend Stillen unterscheiden» ... Endzeitstimmung weht durch das Buch: «Er ging nun friedlich und verwundert unter den Leuten umher. Für sie war er versiegt, das spürte er wohl selbst, die ganze Person war ihnen nur noch zum Übersehen da.»

Strauß war einst einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker auf deutschsprachigen Bühnen. Vor 20 Jahren konnte er mit dem zivilisationskritischen Essay «Anschwellender Bocksgesang», einer grellen deutschen Momentaufnahme, noch eine breite Debatte anstoßen, in der er zeitweise als politischer Reaktionär kritisiert wurde.

Nun ist er leise geworden, «ein leiser Frager», wie er schreibt, «ein frei und ungebunden flüsternder Mann». Seine Figur ist «der heitere Idiot in der Welt der Informierten» - Idiot freilich nicht im heute landläufig gebrauchten abwertenden Sinn des Dummkopfs, sondern abgeleitet vom griechischen «Idiotes», dem Außenseiter, dem Privatmenschen, der sich von den öffentlichen Betätigungen fernhielt.

Die Welt der Informierten - sie treibt Strauß bei aller Weltabgewandtheit aber doch um, sie erscheint ihm absurd: «Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf.» Doch seine Schelte an der digitalisierten Moderne wirkt seltsam und ein wenig wohlfeil - man nimmt es Strauß nicht recht ab, wenn er sich über Androidsystem, Blu-ray-Beamer und High-end-Verstärker auslässt.

Um wie vieles gelungener sind seine wie nebenher einfließenden Beobachtungen: «Das Aussenden beherrscht überbordend die Welt, die Leistungen des Empfangens lassen eher nach», schreibt er mit leisem Spott über den allgemeinen Mitteilungsdrang und zitiert den portugiesischen Mystiker Teixeira de Pascoaes: «Schreiben können viele, lesen aber nur wenige.» Wer es kann, könnte Strauß' neues Buch lesen - es lohnt.

- Botho Strauß: Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit. Diederichs Verlag, München, 176 S., 20,- Euro, ISBN 978-3-424-35088-3

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erstellt am 27.Aug.2013 | 16:33 Uhr

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