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Literatur : Blank oder Blurb? Die hohe Kunst des Klappentextes

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«Unnachahmlich», «ein literarisches Kabinettstück erster Güte», «von der Kritik einhellig in den höchsten Tönen gelobt» - das sind Auszüge aus den Klappentexten dreier Bestseller. Nur wenige Bücher erscheinen ohne solche Selbstanpreisungen. Aber wer schreibt sie eigentlich?

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2013 | 12:27 Uhr

Die Klappentexte werden normalerweise vom Lektor des Buches verfasst, oft in Zusammenarbeit mit dem Marketing des Verlags. Manchmal betätigt sich auch der Autor selbst. Wenn das rauskommt, kann es ein gefundenes Fressen für die lieben Kollegen sein. So veröffentlichte der Schriftsteller W.G. Sebald («Austerlitz») in den 90er Jahren einen giftigen Essay über seinen Kollegen Alfred Andersch (1914-1980), der in einem selbst verfassten Klappentext über sich geurteilt hatte: «Die deutsche Literatur besitzt in Alfred Andersch eines ihrer gesündesten und selbstständigsten Talente.»

Die Lektorin Lina Muzur vom Hanser-Verlag in München meint: «Autoren sind selten die besten Klappentextschreiber.» Ihnen fehle der nötige Abstand. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Eleganter ist es, wenn man auf positive Zeitungsrezensionen oder noch besser auf begeisterte Urteile berühmter Schriftsteller-Kollegen zurückgreifen kann. Ein solches Promi-Lob nennt man in der Verlagssprache «blurb». Bei den meisten Büchern müssen sich die Verlage aber selbst etwas ausdenken.

Natürlich kämen dabei oft Superlative vor, bestätigt Lektorin Muzur. «Es geht ja darum, das Buch möglichst gut zu bewerben.» Die Kunst bestehe darin, auf engem Raum und mit originellen Formulierungen ein Gefühl für das Buch zu vermitteln. Von Übertreibungen rät sie ab. «Ärgerlich für den Leser wird es dann, wenn die Superlative immer die gleichen sind und wie leere Hülsen erscheinen, austauschbare Floskeln, die keinerlei Aussage beinhalten.»

Muzur hat den Eindruck, dass Superlative zunehmen: «Der Markt wird enger, es gibt immer mehr Neuerscheinungen, der Konkurrenzdruck wächst. Der Leser muss sich auf den ersten Blick angesprochen fühlen.» Ähnlich sieht es Martin Spieles vom S. Fischer Verlag in Frankfurt: «In wenigen Zeilen muss das Entscheidende enthalten und der Ton genau getroffen sein.»

Früher kamen Bücher ohne Klappentext aus. Als Erfinder der Buchrückenwerbung gilt der Düsseldorfer Verleger Karl Robert Langewiesche (1874-1931), der im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit Unterhaltungsliteratur erfolgreich war. Anfangs war der Klappentext für anspruchsvolle Bücher noch verpönt - doch allmählich zogen auch die besseren Verlage nach.

Wobei es inzwischen auch eine Gegenbewegung gibt. Manche Verlage entscheiden sich bewusst für eine minimalistische Variante, die nur einen einzigen Satz aus dem Roman zitiert. «Das ist natürlich sehr elegant, sieht optisch ansprechend aus und wirkt gewissermaßen geheimnisvoll», meint Lina Muzur. «Daniel Kehlmanns neuer Roman beispielsweise ist vollkommen blank, es gibt weder ein Zitat aus dem Buch noch eine sonstige Lobpreisung.»

Grundsätzlich kann man die Regel aufstellen: Je schwärmerischer die Buchdeckelwerbung, desto mehr hat der Autor sie nötig.

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