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Literatur : Bittersüßer «Honig» - Ian McEwans neues Leseabenteuer

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Wenn ein Roman keine Neugierde weckt, sagte Ian McEwan einmal, «ist er tot in deinen Händen». Derartiges hat der britische Meistererzähler stets zu vermeiden gewusst.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2013 | 09:41 Uhr

Wie man Leser schon mit den ersten Sätzen zum Kauf eines Buches überredet, zeigt McEwan in seinem neuen Roman «Honig»: «Ich heiße Serena Frome (reimt sich auf Ruhm), und vor knapp vierzig Jahren wurde ich vom britischen Nachrichtendienst auf eine geheime Mission geschickt. Sie ging nicht gut aus.»

«Sex sells», wissen Marketingleute seit langem. Dass er nicht zu kurz kommt, erfahren wir schon aus dem Klappentext. Auch Spionage verkauft sich gut. Ebenso natürlich Verrat, Leidenschaft sowie - obendrein - McEwans trockener Humor. Situationen, wo der Kopf das eine und der Körper etwas anderes will, beschreibt er so: «Wie wenn man bei einer Prüfung an Sex denkt, oder sich auf einer Hochzeit übergeben muss.»

Ganz zu schweigen von der brillanten Fähigkeit dieses Autors, mit knappen Details Atmosphäre zu schaffen, Vorstellungskraft und Fantasie anzuregen. Und dabei selbst in Nebensätzen noch Interessantes zu vermitteln. So wäre es ein Wunder, wenn McEwans neuer Roman nun nicht auch im deutschsprachigen Raum ein Bestseller wird. Zumal «Honig» - gut ein Jahr nach der englischen Originalausgabe «Sweet Tooth» - jetzt der Edward-Snowden-Effekt als glücklicher Zufall zu Gute kommt.

Während die vom EX-CIA-Mitarbeiter Snowden enthüllte Überwachung des weltweiten Telefon- und Internetverkehrs für Aufregung sorgt, spielt «Honig» im Kalten Krieg. Einer Zeit, in der Geheimdienste nicht allein wissen, sondern durchaus gern auch direkt beeinflussen wollten, was Menschen denken. Vornehmlich mit Hilfe angesehener Intellektueller, die als Meinungsführer über entsprechende Strahlkraft verfügten.

«Honig» ist bei McEwan der Codename eines Projekts, mit dem der britische Inlandsgeheimdienst MI5 in den 70-er Jahren Schriftstellern zu Aufmerksamkeit und Erfolg verhelfen möchte, deren weltanschauliche Überzeugungen einer konservativen Staatsmacht genehm sind.

Ein Geheimdienst, der Essays und Romane zwecks Abwehr kommunistischer Agitation und Propaganda finanziert? Reine Fiktion? Keineswegs. So verweist McEwan auf die in England publizierte und 1990 eingestellte Kulturzeitschrift «Encounter», die im Kalten Krieg von der CIA mitfinanziert worden war. Und auch auf das geheime «Information Research Department» (IRD) der britischen Regierung.

«Das IRD hat dafür gesorgt, dass (George Orwells) "Farm der Tiere" in achtzehn Sprachen übersetzt wurde und hat auch für "1984" einiges getan», lässt McEwan einen hohen MI5-Mann sagen, als Serena Frome auf ihre geheime Mission geschickt wird. Die Tochter eines anglikanischen Bischofs ist nicht allein klug und schön - sowie in sexuellen Belangen ebenso selbstbewusst wie fordernd -, sondern auch eine leidenschaftliche Leserin.

So erscheint die Cambridge-Absolventin dem MI5 bestens geeignet, den hoffnungsvollen Jungschriftsteller Tom Haley als mutmaßliche Vertreterin großzügiger Literaturmäzene in die gewünschte Richtung zu lenken. Natürlich verliebt sie sich in den talentierten Mr. Haley.

McEwan schiebt ihm augenzwinkernd ein paar seiner eigenen frühen Werke unter. Und fast wie nebenbei behandelt er noch das große Thema, was Literatur eigentlich bewirken kann. Das alles vor dem realen Hintergrund der britischen Krisenjahre mit streikenden Bergarbeitern, dem Bombenterror in Nordirland, der haushohen Inflation und dem Niedergang der Metropole London.

Serenas Dilemma: Kann sie Haley, dem Mann, den sie liebt und von dem sie geliebt wird, gestehen, dass die Fördergelder für seine vielversprechende literarische Laufbahn in Wirklichkeit vom MI5 kommen? McEwan findet nicht allein dafür eine raffinierte Antwort. Auch Rätsel um Serenas älteren Liebhaber aus Cambrigde-Zeiten werden überraschend gelöst.

Schon einige Romane McEwans wurden verfilmt, am erfolgreichsten bislang «Abbitte» (2001) mit Keira Knightley und James McAvoy. In «Honig» gibt es kaum ein Kapitel, das man sich nicht gut als Leinwand-Inszenierung vorstellen könnte. Ein Gedanke, der das Leservergnügen bereichern kann. Zumal allein schon das Coverfoto mit einer blonden Schönheit im kurzen roten Kleid die Frage aufwirft, wer denn am besten die Hauptrolle spielen sollte - Naomi Watts zum Beispiel oder vielleicht doch besser Scarlett Johansson?

- Ian McEwan: Honig. Diogenes Verlag, Zürich, 464 Seiten, 22,90 Euro, ISBN 978-3-257-06868-9 - Hörbuch: 10 CD, 12 Std. 53 Min., 34,90 Euro, ISBN 978-3-257-80137-8

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