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Literatur : Biograf: Früher Tod trug zu Büchners Erfolg bei

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Georg Büchner allerorten. Nur wenige Monate nach seinem 175. Todestag wird erneut des früh gestorbenen Schriftstellers und Naturwissenschaftlers, des revolutionären Geistes und melancholischen Literaten gedacht.

In einer neuen Biografie zeichnet der Germanist Hermann Kurzke nicht nur das Bild des Genies, das vor 200 Jahren in Hessen geboren wurde. Er untergräbt mit Vermutungen und neuen Theorien auch die bisherige Literaturforschung und bringt das bisher bekannte Bild des Dichters ein wenig ins Wanken. Grund für seinen überaus großen Erfolg könnte auch sein früher Tod gewesen sein, meint der 70-Jährige im dpa-Interview.

Frage: Dramen und Zweifel, eine Flucht, Liebeskummer, ein früher Tod. War Büchner ein glücklicher Mensch?

Antwort: Eher nicht, Dichter pflegen überhaupt keine glücklichen Menschen zu sein oder sie tun es im Produzieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Momente allerhöchsten Glückes für Büchner gegeben hat, während er vor allem nachts an seinen Werken schrieb. Aber das sind die imaginären Erfüllungen. In der Wirklichkeit sieht man, dass er gearbeitet haben muss wie ein Verrückter. Sonst hätte er gar nicht all das geschafft, was er in der kurzen Zeit vorgelegt hat.

Frage: Büchner wird ja immer wieder als Revolutionär bezeichnet, bisweilen auch als Romantiker. Was meinen Sie?

Antwort: Literarhistorisch sehe ich ihn im Bereich der Romantik, aber ich halte die Romantik für etwas Rebellisches. Romantik heißt ja nicht, das man einverstanden ist mit dem Bestehenden, sondern es ist ein Tiefenprotest gegen das Bestehende. Für das Bestehende ist in der Regel die Aufklärung da, die Ordnung und Vernunft in der Gesellschaft will. Und es gibt einen romantischen Protest gegen die Dinge, wie sie sind.

Frage: Aber Büchner wird doch überall als Revolutionär bezeichnet, jetzt auch im Titel der neuen Darmstädter Landesausstellung.

Antwort: Aus meiner Sicht ist das zu eng gefasst. Revolutionär war er zunächst im politischen Bereich, keineswegs als Naturwissenschaftler, da war er ein ganz gewöhnlicher Anatom seiner Zeit. Als er nach kurzer Zeit mit seinem Einsatz als Revolutionär im Politischen gescheitert ist, hat sich diese revolutionäre Kraft in die Poesie ergossen. Seine vier großen Dichtungen sind ja alle nach der politischen Aktion entstanden, alle verarbeiten diese kleine Revolution, an der er aktiv teilgenommen hat.

Frage: Büchner wurde also als Dichter das, was er in der Realität nicht sein oder was er nicht verwirklichen konnte?

Antwort: Ja, und die These, dass sich die Wirklichkeit jemals nach den Köpfen der Dichter richten würde, hat ja auch etwas Abenteuerliches und Romantisches.

Frage: Von Büchner ist kaum etwas erhalten geblieben. Deshalb arbeitet die Forschung auf dünnem Eis. Wie können Sie so sicher sein?

Antwort: Sie haben Recht, die Quellenlage ist miserabel. Das macht es auf der einen Seite spannend, auf der anderen Seite ist sehr viel Raum für Spekulationen. Ein bisschen ist das so, als müsste man aus einem prähistorischen Kinnbacken eine ganze Kultur rekonstruieren. Man hat einen einzigen Brief oder eine einzige Stelle aus dem Tagebuch eines Fremden, aus dem man ganze Lebensläufe nachvollziehen soll. Da ist es klar, dass das nicht alle Wünsche erfüllen kann.

Frage: Das muss ja nicht unbedingt frustrierend sein, sondern es kann auch ein Reiz werden, weil man sich alles vorstellen kann, oder?

Antwort: Ja, für mich war das ganz wunderbar. Ich habe auch versucht, in einem gewissen Maße der Wissenschaft neue Wege zu weisen. Wenn man sich nur an das Belegbare hält, kommt man an das Seelische oft nicht heran. Es ist wichtiger, man wagt die eine oder andere ungesicherte Aussage, als dass man sich ängstlich klammert an das Belegbare und nichts sagt zu den wirklich wichtigen Dingen.

Frage: Das dürften seriösere Wissenschaftler anders sehen.

Antwort: Das muss ich akzeptieren. Aber ich habe ja auch Kontrollmechanismen. Es muss ein stimmiges Gesamtbild ergeben, etwa wie bei einem 500-Teile-Puzzle, von dem Sie 130 Teile haben. Biegen Sie die zu einem falschen Ganzen zusammen, dann wird es sehr viel falscher, als wenn Sie so wie ich versuchen, sich die fehlenden 370 Teile vorzustellen und so zu puzzlen, dass die vorhandenen Teile ihren richtigen Platz kriegen.

Frage: Büchner ist nur 23 Jahre alt geworden. Macht der frühe Tod einen Teil seines Erfolges aus?

Antwort: Schwer zu sagen, naturgemäß. Aber ich denke schon, dass er als Dichter jugendlich sein musste, dass er also nur als junger Mensch die ganzen Bedenken über den Haufen rennen konnte, die es gab. Als älterer Mensch hätte er niemals wieder so unbedenklich in die Quellen gegriffen, da hätte er sich Plagiatsvorwürfen ohne Ende ausgesetzt. Kann also sein, dass er niemals wieder so etwas Großes zustande gebracht hätte.

Frage: «Mit Büchner wird man nie fertig» schreiben Sie in Ihrem Buch. Warum nicht?

Antwort: Büchners Werk ist großartig und unausschöpfbar, ähnlich wie die Werke Goethes oder Shakespeares, die ich mit ihm auf eine Rangstufe stelle. Und ebenso lang wie bei ihnen, wird man sich auch noch mit Büchner beschäftigen, vielleicht in 100 Jahren noch.

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erstellt am 16.Okt.2013 | 08:07 Uhr

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