zur Navigation springen

Museen : Ausstellung: Der Erste Weltkrieg in Tagebüchern

vom

«Vorlesung am Vorabend abgesagt. Morgens Einkäufe: Revolver. Nachmittags gegen 3 Uhr verkünden Extrablätter den "drohenden Kriegszustand".» Der im Elsass geborene Dichter Ernst Stadler ist knapp 31 Jahre alt, als er diese ersten Worte in sein Tagebuch schreibt.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2013 | 16:31 Uhr

Seine Notizen stehen im Zentrum der Ausstellung «August 1914. Literatur und Krieg». Fast 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs macht das Deutsche Literaturarchiv in Marbach den Krieg in einer Ausstellung (bis 30. März 2014) erschreckend anschaulich.

In Tagebüchern und Briefen schildern Autoren ihre Eindrücke und Erlebnisse. Dank ihrer unverblümten Worte ist der Betrachter mittendrin in Euphorie und Elend, Blauäugigkeit oder Angst. Es ist vor allem der Kontrast zwischen Alltag und Krieg, der erschüttert. Er findet sich immer wieder auch in den Exponaten von Autoren wie Ernst Jünger, Hermann Hesse und Arthur Schnitzler. Letzterer etwa schreibt am 5. August 1914: «Mit O im Wald. Herrliche Luft! - Im Hotel Nachr. von der Kriegserklärung Englands an Deutschland! - Der Weltkrieg. Der Weltruin.»

Mit kleinen Kameras wurden Fotos in Kriegsgebieten aufgenommen; idyllische Landschaftsfotos mischen sich mit Bildern von verkrümmten Leichen. Der Tod ist allgegenwärtig. Ernst Jünger schreibt im August 1918 über einen Soldaten, der ihn nach einem Lungenschuss in Deckung tragen wollte: «Es ist doch ein merkwürdiges Gefühl, wenn ein Mensch ... unter dem Leibe weggeschossen wird. Es ist dies wohl die nächste Form, in der der Tod an einem vorbeistreichen kann.»

Die Kuratorin Heike Gfrereis berichtet von Sprachlosigkeit mancher Autoren angesichts der Gräuel. Rainer Maria Rilke etwa markiere fehlende Worte durch Auslassungszeichen. Auch ihr selbst habe diese Ausstellung zugesetzt, wie keine andere in den rund zwölf Jahren zuvor, sagt sie. «Manchmal habe ich zu den Kollegen gesagt: "Sprecht mich jetzt nicht an, ich komme gerade von der Front."» Mehr als eineinhalb Jahre hätten sie und ihre Kollegen Archive durchforstet und an der Präsentation gearbeitet.

Franz Kafka sichert sich in seinem Tagebuch fast schon bockig zu: «Aber schreiben werde ich trotz alledem, unbedingt, es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung.» Berühmt ist der Satz, den er zwei Tage später notiert: «Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. - Nachmittags Schwimmschule.» Während des Krieges entsteht sein «Prozess». Oft schreibt er nachts. Das Manuskript soll ab 7. November auch in Marbach gezeigt werden, und zwar Blatt für Blatt.

Die Marbacher Ausstellung ist Teil eines Kooperationsprojektes mit den Bodleian Libraries Oxford und der Nationalbibliothek Straßburg. Einige Exponate sollen später dort gezeigt werden. So verbindet heute, was einst trennte. Ein Bindeglied ist neben Kafka auch der Dichter Stadler aus dem Elsass, der in München und Oxford studiert hat. Sein Leben ist kurz. Nur drei Monate, nachdem er sein Tagebuch begonnen hat, stirbt er bei Kämpfen in Flandern.

Literaturarchiv

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen