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Literatur : Andrea Sawatzki: Weihnachten in einer Horrorfamilie

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Gut sieben Monate ist es her, dass Andrea Sawatzki (50) die Literaturkritik mit einem psychologisch tiefgründigen Kurzroman überraschte. Jetzt legt die Schauspielerin nach.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2013 | 12:03 Uhr

Anders als im Debütroman «Ein allzu braves Mädchen» wird in «Tief durchatmen, die Familie kommt» nicht gemordet. Nein, es wird Weihnachten mit der Familie gefeiert - und das kann mindestens genauso schlimm sein.

Zugegeben: In der deutschen Durchschnittsfamilie wird Weihnachten auch in diesem Jahr vermutlich mehr oder weniger nett gefeiert, egal wie gut die Geschenke ankommen oder ob Ente, Kaninchen oder Bockwurst mit Kartoffelsalat auf dem Tisch stehen. Bei Gundula Bundschuh ist das etwas anders.

Sie steckt seit Tagen im Weihnachtsstress, um das Fest für ihren Mann Gerald, die gemeinsamen drei Kinder, ihre Eltern, die streitlustige Schwiegermutter sowie ihren Bruder nebst fettleibigem Anhang vorzubereiten. «Das wird mir langsam ein bisschen zu viel Familie», findet Gundulas Ehemann schon, bevor die Feier überhaupt begonnen hat. Gundula setzt ganz auf das richtige Abendmahl, um die Familie zumindest an einem Abend des Jahres glücklich beisammen sitzen zu lassen. Nur schlecht, wenn man nicht so recht kochen kann. Was als fröhliches Fest mit Besinnlichkeit, Bescherung und Bio-Ente geplant ist, endet so dank der Schockerfamilie im absoluten Chaos.

Womit wir bei den Charakteren wären: Wieder hat sich Sawatzki nur gut 200 Seiten Platz gelassen, um psychologisch tiefgründige Figuren in die Welt zu setzen. Erneut beweist sie dabei Talent: Vom kiffenden Sohnemann über dessen dauerstreitende Großmütter bis hin zu Gundulas Hypochonder-Bruder gewinnt man tiefe Einblicke in eine in gewisser Weise ganz normale Familienbande. «Im Grunde sind wir doch eine ziemlich nette Familie», versucht sich Gundula auch selbst zu rechtfertigen.

Besonders die leidvolle Beziehung des seit 27 Jahren verheirateten Ehepaars Gundula und Gerald, deren Zeit der ganz großen Gefühle längst vorbei ist, gelingt Sawatzki exzellent. Selbst die beiden Familienhunde Gulliver und Othello kann man irgendwie verstehen - spätestens, als sie mit dem betrunkenen und dementen Familienoberhaupt im Keller die vorbereiteten Enten verspeisen.

All diese Familienmitglieder lehren der Romanheldin das Fürchten, bis Gundula mehrfach kurz davor ist, alles hinzuschmeißen. Man versteht sie vollends, als sie sagt: «Ich hatte plötzlich wahnsinnige Lust, mich danebenzubenehmen.» Mit der richtigen Portion Alkohol schafft sie es, die Feier trotzdem durchzuziehen - und Sawatzki gelingt es am Ende sogar, so etwas wie ein Happy End hinzulegen.

Wie in «Ein allzu braves Mädchen» beweist Andrea Sawatzki erneut, dass sie Erzähltalent besitzt. Und sie besitzt Humor. Für Weihnachtsgefühle ist es im Herbst zwar noch etwas früh, aber spätestens in der Adventszeit wird der Roman seine Leserschaft finden. Auch als Geschenk am Heiligen Abend ist es geeignet. Denn egal, wie schlimm die eigene Familienfeier in diesem Jahr auch werden möge - wer dieses Buch in den Weihnachtstagen liest, wird lachend neben dem Christbaum liegen. Er wird sich dabei denken: Mit einer anderen Familie hätte alles noch viel, viel schlimmer kommen können.

- Andrea Sawatzki, Tief durchatmen, die Familie kommt, Piper, München, 224 S., 17,99 Euro, ISBN 978-3-492-05636-6

Sawatzkis Homepage

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