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Literatur : Alexander Kluge und Gerhard Richter im Doppelpack

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Alexander Kluge (81) und Gerhard Richter (81) haben schon einmal für ein Buch zusammengearbeitet: «Dezember» hat die Texte des einen mit Fotos des anderen kombiniert. «Nachricht von ruhigen Momenten» knüpft nun daran an. Und auch der zweite Versuch zeigt: Es funktioniert und es lohnt sich.

Kluge hat kunstvolle Texte im Kleinformat beigesteuert. Manche haben Anekdotencharakter wie die Geschichte über John Cage, der an der Oper in Frankfurt probt, als es dort zu brennen anfängt: Mit einem Tonband nimmt er das höllische Fauchen des Feuersturms auf. Die Klanggewalt inspiriert ihn zu einer «Komposition für Kakophonie und Orchester». Doch dann hält ein Zimmermädchen im Hotel das Päckchen mit den Tonbändern und Aufzeichnungen für Müll und wirft es weg.

Ähnlich ist die kurze Geschichte über den Bariton Leonard Warren, dem ein Kritiker bescheinigte, keine Gefühlsqualität zu besitzen. In der Metropolitan Opera in New York steht er bald darauf auf der Bühne und singt den Don Carlo in Verdis «Die Macht des Schicksals». Plötzlich erstarrt er, stürzt zu Boden, Blut läuft aus seiner gebrochenen Nase, tot wird er von der Bühne getragen.

Der Kritiker, der das mitansieht, schreibt später, keine Oper habe ihn je mehr zu erschüttern vermocht. «So hatte der Bariton Warren unter Einsatz des Lebens noch eine letzte, entscheidende Wirkung auf denjenigen, der ihn so ungerecht kritisiert hatte.»

Kluge ist ein Könner auf der Kurzstrecke, großartig in der Reduktion: Immer wieder gelingen ihm eindrucksvolle Texte, die manchmal kaum eine halbe Seite lang sind. Beispielhaft dafür ist die Schilderung des Schicksals einer jungen Frau auf der Intensivstation. Ihr Zustand hat sich rapide verschlechtert. Sie selbst hatte nicht erwartet, das Ende der Nacht zu erleben. Als sie die Morgenröte bemerkt, fasst sie Hoffnung. Doch als der Morgen da ist, stirbt sie.

Es ist trotz mancher bitterer Pointen auf seine Weise ein ausgesprochen schönes, so ganz anderes Buch, das in keine Schublade passt. Die Texte haben oft etwas Beiläufiges, Assoziatives, das gerade, weil es nicht auserzählt wird, seinen Reiz behält: Etwa, wenn Werner Heisenbergs Unschärfe-Relation aus der Physik plötzlich einen Bezug bekommt zu Niklas Luhmanns Bemerkungen über die erlernte Unschärfe in den Beziehungen glücklicher Paare.

Einige Texte sind sehr persönlich: Kluges Schilderung beispielsweise, wie sein Vater Barbara Tuchmans Buch «August 1914» liest und daraufhin unerwartet anfängt, aufzuschreiben, wie er selbst den Beginn des Ersten Weltkriegs erlebt hat.

Richters Fotos illustrieren die Texte nicht, sie korrespondieren mit ihnen. Über die genaue Beziehung darf der Leser nachdenken: Mal ist es klar, wenn das Bild eine Schlucht zeigt und auch im dazugehörenden Text eine erwähnt war. Oft ist es nicht so direkt. Aber immer passt es: Da haben sich zwei gefunden.

- Alexander Kluge, Gerhard Richter: Nachricht von ruhigen Momenten, 89 Geschichten, 64 Bilder. Suhrkamp Verlag, Berlin, 135 S., 19,95 Euro, ISBN 978-3-518-22477-9

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erstellt am 19.Sep.2013 | 10:33 Uhr

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