Literatur : Albert Camus - Die Revolte geht weiter

Der Schriftsteller Albert Camus (1957). INP
Der Schriftsteller Albert Camus (1957). INP

Widerstand gegen totalitäre Strukturen, gegen Gesellschaftsentwürfe, die Menschenopfer verlangen, und Revolte gegen eine absurde Welt: Albert Camus suchte in seinen Werken nach moralischen Grundsätzen, die 100 Jahre nach seiner Geburt mehr denn je den Zeitgeist treffen.

shz.de von
06. November 2013, 14:07 Uhr

Zum 100. Geburtstag des französischen Schriftstellers überschwemmen Publikationen zu seinem Werk und Leben den Markt. Allein der französische Verlag Gallimard veröffentlichte 22 Camus-Titel. Der mit 46 Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte Autor gehört mit Sartre zu den Hauptvertretern des Existenzialismus. Er hat Essays, Romane und Theaterstücke geschrieben, darunter «Der Fremde», «Der Mythos des Sisyphos», «Die Pest», «Die Gerechten» und «Der Mensch in der Revolte», eines seiner letzten Werke. Für Camus ist der Mensch das Maß aller Dinge.

«Je me revolte, donc nous sommes» (Ich protestiere, also sind wir), steht in «Der Mensch in der Revolte». Die ersten Seiten des Werkes hat Camus in der Zeit der deutschen Okkupation geschrieben. Es besteht aus einer Sammlung philosophisch-politischer Essays, in denen er unter anderem die großen politischen Utopien für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich macht.

Camus' Revolte ist das Aufbegehren des Einzelnen gegen ungerechte Bedingungen der menschlichen Existenz im ideologiefreien Raum. In den vergangenen Monaten haben wichtige Ereignisse illustriert, wie modern seine Haltung wieder ist. In New York, Berlin, London, Madrid und Lissabon gingen vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise Hunderttausende auf die Straße.

Die Occupy-Bewegung ist eine Revolte im Sinne Camus'. «Sie folgt keiner neuen Ideologie, keiner Geschichtsutopie, sie weiß nicht unbedingt, wo das, was sie heute tut, enden wird. Das ist diese offene und freie Revolte, von der Camus in seinem "Der Mensch in der Revolte" gesprochen hat», sagt die Literaturkritikerin Iris Radisch. Die «Zeit»-Feuilletonistin hat sich mit dem Schriftsteller intensiv in der von ihr vor wenigen Wochen erschienenen Biografie «Camus. Das Ideal der Einfachheit» auseinandergesetzt.

«Der Fremde» und «Der Mythos des Sisyphos» handeln von dem Gefühl des Absurden, das den Menschen angesichts einer Welt von unerkennbarem Sinn überkommt. Während Camus in «Der Fremde» den Protagonisten Meursault seine absurde Existenz erkennen lässt, geht er in «Der Mythos des Sisyphos» - Sisyphos muss als Strafe einen Stein immer wieder einen Berg hinaufwälzen, der jedesmal aufs Neue herunterrollt - einen Schritt weiter. Der Mensch akzeptiert die Unerklärbarkeit der Existenz, des absurden Schicksals, gegen das er sich später auflehnen wird.

Camus gilt vielen als Schriftsteller und Philosoph, obwohl er sich selbst nie als Philosoph bezeichnet hat. «Ich bin kein Philosoph. Ich entwerfe keine Systeme, ich denke über meine Lebenserfahrungen nach.» Davon besaß er ausreichend.

Sein Leben schlägt sich unverkennbar in seinen Themen und seiner kühlen und nüchternen Sprache wieder, die damals als modern gefeiert wurde. Camus wuchs als Sohn eines Kellermeisters und einer spanischen Analphabetin unter bescheidensten Umständen in Nordafrika auf. Eine harte Schule, wie er später betonte, zu der noch die frühe Konfrontation mit dem Tod kam. Camus litt seit seinem 16. Lebensjahr an Tuberkulose.

Als er 1942 «Der Fremde» und «Der Mythos des Sisyphos» veröffentlichte, war Camus noch keine 29 Jahre alt, doch hatte er bereits eine unglückliche Ehe hinter sich, ein kurzes Intermezzo in der Kommunistischen Partei und lebte seit drei Jahren in Paris, einer Stadt, in der er nie wirklich Fuß gefasst hat.

Im Jahr 1957 erhielt der Widerstandskämpfer, Journalist und engagierte Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Doch statt auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand er an deren Ende. Sein Werk «Der Mensch in der Revolte», in dem er Utopien und Ideologien anprangert und damit die Haltung des prokommunistischen Stalin-Apologet Sartre, wurde von den linken Intellektuellen verrissen - und führte zum endgültigen Bruch mit Sartre.

Camus musste vor allem in Frankreich für seine Kritik am autoritären Sozialismus lange büßen. Erst nach dem Scheitern des Sozialismus in Osteuropa fing man an, seinen Antitotalitarismus und sein postideologisches Denken zu würdigen.

Französische Gesellschaft Camus’sischer Studien

Literatur-Nobelpreis-Rede

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