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Literatur : 600 Jahre Konzil von Konstanz

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Zu Beginn des 15. Jahrhunderts steckte die Kirche in einer tiefen Krise, sie war gespalten - Schisma nennt man diese Situation.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2013 | 13:27 Uhr

Zunächst rangen zwei Päpste um die alleinige Anerkennung: in Rom Gregor XII., im Exil im südfranzösischen Avignon Benedikt XIII. Als die beiden Schismatiker nicht beim Konzil zu Pisa im Jahr 1409 zur Klärung der Situation erscheinen wollten, benannten die dort anwesenden Kardinäle und Bischöfe einfach einen eigenen, dritten Papst: Alexander V.. Dieser starb nach einem Jahr, ein neuer musste her: Johannes XXIII., der später aus der päpstlichen «Ahnenreihe» gestrichen wurde.

Der Münsteraner Historiker Jan Keupp und sein Münchner Kollege Jörg Schwarz schildern in ihrem Buch «Konstanz 1414-1418. Eine Stadt und ihr Konzil» die politischen Zusammenhänge dieser Zeit und die Voraussetzungen, die es überhaupt erst möglich machten, dass erstmals eine deutsche Stadt eine große Kirchenversammlung beherbergen durfte.

In Pisa konnte nämlich die Spaltung nicht überwunden werden, im Gegenteil, sie war schärfer als zuvor. Ein neues Konzil musste her. Rom wurde ins Auge gefasst. Doch war die alte Stadt der Päpste in dieser Zeit des Schismas nicht sicher genug, störungsfreie Tagungen zu ermöglichen. Der König von Neapel bedrohte Rom. Daraufhin kamen so angesehene Städte wie Bologna oder Avignon in Betracht, wurden als Konzilsort aber wieder verworfen.

«Dass die Wahl schließlich auf die deutsche Stadt Konstanz am Bodensee fiel, einen Platz, den sicherlich zunächst niemand im Kopf hatte, ja von dem die wenigsten in Italien, Frankreich und England überhaupt gewusst haben, wo er lag, ist ... auf den römisch-deutschen König Sigismund aus dem Hause Luxemburg» zurückzuführen, schreiben die beiden Historiker.

Für den 1. November 1414, dem Allerheiligentag, lud Papst Johannes XXIII. zu einem allgemeinen Konzil nach Konstanz. Konstanz stehe damit in einer Reihe mit so großen Kirchenversammlungen der Spätantike wie Nicäa (325), Konstantinopel (381), Ephesos (431) und Chalkedon (451). «Kirchengeschichtlich gesehen war die Entscheidung für einen Konzilsort in Deutschland etwas Neues, vielleicht sogar eine Revolution. Die Entscheidung scheint auf Zukünftiges vorauszudeuten ... vielleicht sogar auf die Reformation, die von Deutschland aus ein ganz neues Zeitalter in der Geschichte der Kirche einläuten sollte.» Als Vorboten darf man wohl den Reformer Jan Hus sehen, der in Konstanz der Ketzerei bezichtigt und zum Tode verurteilt wurde.

Mit der Entscheidung für Konstanz scheint die Kirche gleichsam nach Deutschland verlagert worden zu sein. Jedenfalls gelang es Sigismund während der vierjährigen Konzils, die Spaltung zu überwinden und die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Neben der großen Geschichte erzählen die Historiker Keupp und Schwarz sehr anschauliche auch Geschichten über das damalige Leben in der Konzilsstadt: dem dichten Gedränge während der Tagungen und dem multikulturellen Flair, das die internationale Kirchenversammlung mit sich brachte, dem Betrieb im Wirtshaus und im Hurenhaus. Ein wissenschaftliches Buch, spannend geschrieben auch für Laien.

Jan Keupp/Jörg Schwarz: Konstanz 1414-1418. Eine Stadt und ihr Konzil, Primus Verlag Darmstadt, 184 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86312-038-2

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