TV-Kritik "Das Messie-Team" : Kuscheln gegen den Vermüllungs-Wahn

Sie wollen aufräumen, können es aber nicht. In Deutschland sind schätzungsweise knapp zwei Millionen Menschen vom Messie-Syndrom betroffen, Joseph Suiter ist einer von ihnen. Foto: RTL2
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Sie wollen aufräumen, können es aber nicht. In Deutschland sind schätzungsweise knapp zwei Millionen Menschen vom Messie-Syndrom betroffen, Joseph Suiter ist einer von ihnen. Foto: RTL2

"Das Messie-Team" geht in eine neue Runde: Die zweite Staffel des Help-Formats startet eklig, niederschmetternd, unglaubwürdig. Selbst Doku-Soap-Freunde haben nichts zu lachen.

shz.de von
05. Januar 2012, 07:42 Uhr

Schon erstaunlich, was Messie-Therapeutin Sabina Hankel-Hirtz für Wunder vollbringt. Am Dienstagabend kuriert sie die Eheleute Suiter vom gesundheits-gefährdenden Hort-Wahn. 20 Jahre lang hauste das Paar zwischen Ungeziefer, Katzenkot und verrottenden Müllbergen; die sechs Kinder der Familie kamen früh ins Heim. Frau Hankel-Hirtz braucht im RTL-II-Zusammenschnitt gerade mal eine Woche, um den Suiters die Augen zu öffnen. "Sie haben das Chaos und die Verwahrlosung erkannt, Struktur und Familienzusammenhalt gefunden", lautet das Fazit der Expertin. Hut ab.
Naja, wen wundert’s. Schon der Untertitel der Sendung verheißt einen "Start in ein neues Leben", das Happy-End ist programmiert. Was bei Familie Suiter passiert, sobald Kamerateam Therapeutin und Entrümpler das Haus verlassen, interessiert nicht. Stattdessen bekommt der Zuschauer seinen Ekel-Kick mit Bildern katastrophaler Hygienezustände, Erläuterungen des Kot- und Verwesungsgeruchs. Es geht um Menschen, die jahrelang ein würdeloses Dasein fristen - und dann ganz plötzlich glücklich sind. Der Zuschauer darf beruhigt ins Bettchen schlüpfen.
Von bumpernden Herzen zur Putzmittel-Werbung
Während andere Doku-Soaps Distanz zu den Protagonisten aufbauen, setzt "Das Messie-Team" auf Identifikation. Es bleibt kein Raum für Spott, die Lebensumstände der Suiters machen betroffen. Mit Polizei und Notarzt musste das Jugendamt vor 16 Jahren bei der Familie anrücken, um die sechs Kinder mit Gewalt vor der Verwahrlosung zu retten. Die Eltern Suiter wirken weder asozial noch unsympathisch, sie sind schlichtweg krank; die Kinder der Familie noch heute gebrochen. Wer mag da an Wunderheilung glauben?
Immerhin: Die Filmtechniker von RTL II geben alles. Die Sendesequenzen sind im Wechsel mit hochemotionaler Musik und mit bumpernden Herzschlägen unterkliert, wahllos kommen Schwarz-Weiß-Blenden zum Einsatz; streckenweise wird dem Bild alle paar Minuten die Farbe entzogen. Nach den Renovierungsarbeiten erstrahlt das Haus der Suiters; die Glanzeffekte machen jeder Putzmittel-Werbung Konkurrenz.
Und Sabina Hankel-Hirtz nimmt alle paar Minuten ein Mitglied der zerrütteten Großfamilie in den Arm. Schön. Laut Homepage des Senders hat die 47-Jährige Ausbildungen zur Heipraktikerin, zur klinischen Hypnose- und zur tiefenpsychologischen Körpertherapeutin absolviert - die Frau weiß also, was sie tut. Außerdem hat etwas Kuscheln noch niemandem geschadet.

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