Magische Museen : Kunstwerk Natur: Das Vadehavscentret inszeniert das Meer als Wunderwerk

Magische Museen: Unsere Redakteure stellen in diesem Sommer Ausstellungshäuser abseits des großen Trubels vor, die trotzdem absolut sehenswert sind. Heute erfolgt ein Blick über die Grenze, in die dänische Region Nordschleswig. Dort, in der Nähe von Ribe, widmet sich ein Museum dem Wattenmeer uns inszeniert es als Kunstwerk.

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07. Juli 2018, 06:00 Uhr

Skaerbaek | Wer den Weg am Naturmuseum Vadehavscentret ein wenig weiterfährt, muss achtgeben, mit seinem Auto nicht im Wattenmeer zu versinken. Als Tor zu diesem Weltnaturerbe bezeichnen die Dänen das kleine Zentrum, das sich in den endlosen Marschwiesen zwischen Skaerbaek und der schnuckeligen Stadt Ribe findet. Der Begriff trifft im übertragenen wie unmittelbaren Sinne zu.

Museen bauen, das können die Dänen sowieso. Das Nationalmuseum in Kopenhagen ist von seinen Exponaten her ein Tempel, das historische Museum Moesgård bei Aarhus setzt didaktische Maßstäbe, Louisiana und Aros sind für ihre Sammlungen moderner Kunst bekannt, obwohl sie sich nach gemeinen europäischen Maßstäben bestenfalls in Mittelstädten befinden.

Unweit der deutschen Grenze, an der strukturschwachen Westküste, ist alles noch ein bisschen kleiner – und zugleich ein bisschen urtümlicher; hyggeliger, wenn man so will und das strapazierte Wort noch hören mag. Hier jedenfalls, in der jütländischen Weite, ist die Natur das Kunstwerk. Nicht nur das Dach, auch die Fassade des 2017 eröffneten Vadehavscentret („Wattenmeerzentrum“, Architektin: Dorte Mandrup) besteht nahezu vollständig aus Reet. Es duckt sich in die Landschaft. Im Inneren erwarten den Besucher bemerkenswerte Inszenierungen, sehr schlicht, sehr schlau, sehr schön.

Ein Beispiel: In Dutzenden überdimensionierten Reagenzgläsern sind typische Bestandteile von Flora und Fauna des Watts präsentiert und als Rechteck arrangiert. Gäbe es die Installation zu kaufen, sie fände ihre Abnehmer. Hippe Innenarchitekten hätten die Sammlung jedenfalls nicht stilvoller als naturnahen Wandschmuck arrangieren können.

An einer anderen Wand hängen quadratisch und in strengem Weiß Gipsabgüsse verschiedener Ausprägungen des Wattbodens. Sie könnten als Bilder eins zu eins ein stylisches Restaurant mit neuer nordischer Küche schmücken.

In einem Becken nebenan schwimmt Meeresgetier. Anfassen erlaubt. Tierschützer mögen die Nase rümpfen, aber die Dänen sind nicht zimperlich. Natur will erlebt werden. Den Kindern gefällt der nasse Lernort, ebenso wie das Spiel mit hölzernen Vogelmodellen, die ähnlich gearbeitet sind wie die beliebten Tierfiguren des Designers Kay Bojesen. Darüber hinaus ist Hightech eingebaut: Die Vögel geben arttypische Laute ab, wenn man sie durch historisierte Ferngläser anpeilt. Auch diese Kombination wirkt wie eine Skulpturengruppe und Hommage an die Vogelkunde.

Die kleine, aber feine Ausstellung scheitert nur in einem Punkt, wenn es nämlich darum geht, die „Schwarze Sonne“ nachzuempfinden. Ein ehrenwerter Versuch wird zwar unternommen, die tanzenden Bewegungen der riesigen Zugvogelschwärme in der Marsch durch raumhohe illuminierte Plättchen abzubilden. Aber die echte Faszination mag sich nicht einstellen. Irgendwas muss die Natur ja auch besser können. Aber wer Glück hat, sieht auf der Rückfahrt durch die Wiesen die Schwärme in der Wirklichkeit. Natur und Kunst verschwimmen hier eben, drinnen wie draußen.

Das Wattenmeerzentrum findet sich hier: Vadehavscentret, Okholmvey 5, Vester Vedstedt, 6760 Ribe. Es bietet regelmäßig und auf Anfrage auch Naturführungen an, darunter Besonderheiten wie Nachtwanderungen im Watt, Eulen- und Krötentouren oder die Möglichkeit für Managementtagungen in nicht alltäglicher Umgebung. Geöffnet ist das Museum täglich von Mai bis September: 10-17 Uhr, Oktober bis April: 10-16 Uhr. Eintritt: Erwachsene 100 Kronen (14 Euro), Kinder: 50 Kronen (7 Euro).

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