Welt von morgen : Zum Fürchten und zum Nachdenken: Cory Doctorows «Walkaway»

Der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow gilt als eine Internet-Ikone.
Der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow gilt als eine Internet-Ikone.

Zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts: «Walkaway» ist eine Alternative zur Welt der Ultrareichen. Vier junge Menschen finden sich hier, um endlich Selbstbestimmung und Freiheit zu genießen und der totalen Überwachung eines Lebens zu entgehen.

shz.de von
21. August 2018, 17:03 Uhr

Darf ein Buch Angst machen? Ja, wenn es denn hilft, etwas Schlimmes zu verhindern. «Walkaway» ist so ein Buch - eine Saga aus der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts mit apokalyptischen Tendenzen, die grob zusammengefasst in etwa so aussehen: Der Mensch richtet sich und die Welt zugrunde.

Glücklicherweise ist das nicht die einzige Präferenz. Es gibt ja noch den und die Walkaway - eine (fast) gewaltlose und uneigennützige Gesellschaft für Aussteiger. Beide werden so bezeichnet in dem utopischen Roman des kanadischen Journalisten und Schriftstellers Cory Doctorow.

Der 47-Jährige ist zudem Blogger und gilt nicht nur in Nordamerika als Internet-Ikone. Leser werden das umgehend zu spüren bekommen, denn sie werden in diesem Buch mit Begriffen aus der digitalen Welt überschwemmt. Ein Glossar am Ende hält Erklärungen bereit. Die «Weggeher» haben sich vom herkömmlichen System - hier Default genannt - abgesetzt: hinaus aus der Welt, wie sie ist, und hinein in die Welt, wie sie sein kann. Ihre Philosophie ist so einfach wie fantastisch. Und unrealistisch. Alles ist Gemeinschaftseigentum, alle arbeiten für alle, alle haben gleiche Rechte und Pflichten. Es gibt keinen Sonderstatus, keine Bevormundung und keinen Anführer.

Ihre Grundsätze - sie weisen durchaus kommunistische Züge auf - bilden das Gerüst der Walkaway, die sich nicht nur auf dem amerikanischen Boden ausbreiten, sondern sich allmählich zu einer globalen Bewegung auswachsen - und zum bevorzugten Feindbild des Default werden, jener Gesellschaft, deren Standards von den Ultrareichen festgelegt und mit allen Mitteln verteidigt werden. Wie realistisch! Selbst alles, was dazwischen lebt und sich unter «normal» verbuchen lässt, lernt die Härten des Defaultsystems kennen. Es gibt für sie bei stark eingegrenzten Freiheiten unter permanenter totaler Überwachung und mäßigem Auskommen nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren.

In dieser tristen deprimierenden und klimageschädigten Welt scheint der Walkaway eine geradezu paradiesische Alternative, von der auch die Haupthelden des Buches angezogen werden: Hubert (später: Etcetera), Seth und Nathalie (später: Iceweasel). Eine Zeit lang können sie die neu gewählte Freiheit genießen. An ihrer Seite Limpopo, eine erfahrene Walkaway. Es gibt viel Bewegung in den Folgejahren. Doch die Verbindung der vier Freunde hält. Hinzu kommen weitere, für sie wichtige Menschen. Sie alle verlieren sich, finden sich wieder, verlieren sich... und halten immer zusammen.

Das Auf und Ab ist nervenaufreibend und erstaunlich spannend geschrieben. Dazwischen philosophiert Doctorow gern über das Leben, die Liebe und den Tod. Sicher ist vieles davon schon mal irgendwann irgendwo gesagt oder niedergeschrieben worden. Aber die Dialoge des Autors, seine Wortfindung für elementare Ansichten sind nicht ohne. Für den Leser auf alle Fälle viel Stoff zum Nachdenken.

Das meint auch der bekannte Whistleblower Edward Snowden: «Cory Doctorows Walkaway erinnert uns daran, dass die Zukunft, für die wir uns entscheiden, auch die ist, in der wir leben werden.» So kommt es nicht von ungefähr, dass der Autor, Sohn eines Aktivisten und Anhängers Trotzkis, mit eigenen Greenpeace-Erfahrungen praktisch in und zwischen jeder Zeile, mal mehr, mal weniger direkt, auf Umweltsünden, Klimakatastrophe, nukleare Gefahren und andere neuzeitliche, bedrohliche Szenarien hinweist.

Sicher hat das fast 740 Seiten dicke Buch seine Längen. Und gewiss spricht es nicht jeden Leser gleichermaßen an, zumal die großen Zeitsprünge und der nahezu inflationäre Gebrauchs von Begriffen der Hochtechnologie das Verstehen der Geschichte nicht eben einfach macht. Aber es ist interessant, wie Doctorow altbekannte Revolutionsideen mit neuen Gesichtspunkten ausstattet, von denen die bemerkenswertesten die tatsächliche Umsetzung einer menschlichen Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit ohne Befehle erteilende Führungsmacht beschreibt. Das alles mit pazifistischen Absichten. Wenn hier letztere auch stets vom Default durchkreuzt werden - eines haben die Walkaway den Superreichen zu deren Leidwesen voraus: Sie sind einfach (noch) zu gut, um wahr zu sein.

- Cory Doctorow: Walkaway. Heyne Verlag, München, 736 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3-4533-1793-2.

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