Zeit für den Aufruhr

Vertreter des Informel: Emil Schumacher.
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Vertreter des Informel: Emil Schumacher.

Die Lübecker Kunsthalle St. Annen zeigt zum eigenen Jubiläum Emil Schumachers "Beseelte Materie"

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06. Mai 2013, 03:59 Uhr

Lübeck | Ein großer Name zum Jubiläum: Zu ihrem zehnjährigen Bestehen hat sich die Lübecker Kunsthalle St. Annen die Sonderausstellung "Emil Schumacher: Beseelte Materie" geschenkt. Zu sehen sind 31 Gemälde sowie 13 Gouachen und die bildhafte Auseinandersetzung mit der Genesis, allesamt aus dem Spätwerk des großen informellen Malers, der 1999 mit 77 Jahren starb.

Zum Überschwang neigt Thorsten Rodiek für gewöhnlich nicht. Hier jedoch spricht der Leiter der Kunsthalle St. Annen von brodelnden Vulkanen, explodierenden Farben. Er macht kein Hehl aus seinem Stolz auf die Schau, die er auch selbst kuriert hat.

Gewöhnlich ist hier nichts. Die Werke, das weiß Rodiek, finden in dem ehemaligen sakralen Bau ein Quartier, das mit ihnen korrespondiert. Sie sind hervorragend gehängt. In einem Haus, zu dessen Schwerpunkten die informelle Malerei zählt und das mit "Goro" ein Schumacher-Werk dauerhaft beherbergt, sind sie thematisch ohnehin daheim. Mit Emil Schumacher haben sich die Lübecker einen Vertreter deutscher Nachkriegsmalerei in die Stadt geholt, der wie sonst nur wenige andere prägende Werke hinterlassen hat. Und von der Hamburger Schau, die vergangenes Jahr das frühe Werk des Malers zeigte, ist diese nicht nur emanzipiert, sie ist auch weiterführend. Ein Schumacher braucht Raum und fordert Zeit.

Gleich zu Beginn packt den Besucher das "Falacca", diese Explosion in Gelb und Schwarz aus dem Jahr 1991, und zieht ihn hinein in die heftige Malerei. Wer die Werke dieses Künstlers nur von Fotos kennt, hat eine Offenbarung vor sich. Sand, Stroh, Gras. Kokosfasern mischen sich in die Farbe, die stellenweise bis zur Dreidimensionalität dick aufgetragen ist.

Aufruhr steckt im Umgang mit dem Material, ein Aufruhr, in dem sich Kriegserlebnisse Bahn brechen. Schumacher, 1912 in Hagen geboren, war als technischer Zeichner in einem Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet und erlebte die nahezu vollständige Zerstörung seiner Heimatstadt. "Die Soldaten, mit denen wir sprachen, meinten, uns erginge es schlimmer als den Männern an der Front. Wir waren in einem Mauseloch gefangen", berichtet er viele Jahre später.

Gegenständliches - häufig Pferde, Häuser, immer wieder Räder - arbeitet sich nach und nach ins Bewusstsein. Formen sie sich oder zerfließen sie? Schumacher bringt Steine ins Rollen. Wie gesagt: Er fordert Zeit. Wer keine mitbringt, bringt sich um ästhetischen Genuss. Über drei Etagen werden die Werke mit den geheimnisvollen Titeln - von "Alumet" über "Kadum" zu "Yamin" - großzügig präsentiert. Im Untergeschoss entfaltet sich dann mit den Gouachen und der letzten Arbeit Schumachers, intuitiv Bildhaftes, mit der er die Genesis ergänzt (1999 auf Hebräisch und Deutsch in Israel gedruckt), ein ganz eigener, intimer Zauber. "Emil Schumacher. Beseelte Materie". Bis zum 8. September in der Lübecker Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Straße 15. Der Katalog zur Ausstellung enthält Abbildungen zu allen ausgestellten Werken und kostet 19,90 Euro.

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