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ESC 2016 : Xavier Naidoo: Stehe für weltoffenes Deutschland

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Der Sänger wird für seine Äußerungen und einen umstrittenen Songtext stark kritisiert. Doch Naidoo wehrt sich gegen Anfeindungen.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2015 | 11:26 Uhr

Mannheim | Xavier Naidoo wehrt sich gegen Kritik an seiner Kür zum deutschen Teilnehmer des Eurovision Song Contest 2016. „Mit meinem ganzen Wesen stehe ich für ein weltoffenes und gastfreundliches Deutschland und einen respektvollen sowie friedlichen Umgang miteinander“, sagte der 44 Jahre alte Musiker laut einer NDR-Mitteilung vom Donnerstagabend.

Die Verpflichtung des Profi-Sängers hat auf mehreren Ebenen für Kritik gesorgt: Einige Kritiker stellen Naidoo wegen umstrittener Songtexte infrage. Andere bemängeln das Show-Konzept mit nur einem Sänger und eingeschränkter Publikumsbeteiligung.

Der Sender, der den Wettbewerb für die ARD betreut, hatte am Donnerstag angekündigt, dass Naidoo für Deutschland beim ESC in Stockholm im Mai antrete. Die Zuschauer sollen im Februar nur noch das Lied bestimmen. Die Entscheidung sorgte für Empörung - etwa beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Auch aus der SPD-Fraktion kam Kritik. Rasmus Andresen von den Grünen in SH fordert, den ESC auf, das Show-Konzept zu überdenken. „Der Künstler Xavier Naidoo steht unserem Land nicht gut zu Gesicht. In der Vergangenheit ist er mehrfach durch homophobe und sexistische Sprüche aufgefallen“, so Andresen. „Der ESC ist nicht zuletzt durch Conchita Wurst ein Fest für Toleranz und Vielfalt geworden. Deutschlands Antwort darauf darf kein religiöser homophober Fundamentalist sein.“

Im Internet gab es zwei Petitionen gegen die Teilnahme des Sängers mit mehreren tausend Unterstützern. Die bei manchen sehr beliebten Schmuse-Songs sind nur ein Teil von Naidoos Repertoire. Andere seiner Lieder stehen wegen ihrer Texte in der Kritik. In einem bringt er Kinderschänder, Homosexuelle und okkulte Rituale in Verbindung.

Xavier Naidoo, das steht für esoterisch angehauchte Texte wie: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer/ Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr.“ Xavier Naidoo, das steht aber auch für diesen Text: „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

Mehrfach hatte Naidoo, Mannheimer mit indischen und afrikanischen Wurzeln, Diskussionen ausgelöst - etwa, als er 2014 am Tag der Deutschen Einheit vor rechtspopulistischen Reichsbürgern sprach, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen.

2011 hatte er in der ARD erklärt: „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land.“ 2012 sorgte der Text des Liedes „Wo sind sie jetzt“ von Naidoo und Kool Savas für Ärger. Dort geht es in sehr vulgärer Sprache um Kindermorde - Passagen wurden als schwulenfeindlich kritisiert, Homosexuelle würden mit Pädophilen gleichgesetzt.

Naidoo widersprach der Kritik. Er sei froh, in einem „bunten“ Deutschland zu leben, mit einer Vielfalt an Lebensentwürfen und Religionen. „Ich habe auch immer betont, dass ich die Auffassung der sogenannten Reichsbürger nicht teile, von denen ich mich auch öffentlich deutlich distanziert habe.“ Er stehe für Meinungsfreiheit, erklärte er. „Es ist allerdings schade, dass Menschen, die mich ganz offensichtlich nicht kennen, aufgrund unzutreffender Darstellungen substanzlos und schlecht über mich reden.“

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sagte: „Für uns war es wichtig, mit jemandem anzutreten, der über eine hervorragende Bühnenpräsenz verfügt, der ein sehr guter Sänger ist und der mit uns auf die Suche nach einem Lied geht.“ Naidoo sei weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch. „Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir.“ Die SPD-Fraktionsvize im Bundestag Eva Högl kritisierte den Schritt. „Ich wundere mich über die Entscheidung der ARD und finde sie falsch“, sagte sie der „Rheinischen Post“. „Seine homophoben Äußerungen und seine Nähe zu den ,Reichsbürgern' finde ich abstoßend.“

Auch viele Fans stehen hinter dem Sänger. Sie werfen den Kritikern Heuchelei vor und sehen den Sänger als Opfer der Medien.  „Ein missverständlicher Songtext soll ausreichend sein um ihn abzustempeln?“ schreibt ein Fan auf Facebook.

„Dieser Weg wird kein leichter sein“ – das wird auch den Machern beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk klar gewesen sein, als sie Xavier Naidoo zum Abgesandten für den Eurovision Song Contest  (ESC) 2016 gekürt haben. Aber irgendwas musste man ja tun nach dem diesjährigen Null-Punkte-Debakel  beim Finale in Wien. Ein Profi soll’s richten. Das Publikum darf  im Vorfeld nur über das Lied, nicht aber über den Musiker abstimmen. Neu ist das nicht. Für Lena ging es 2011 allerdings immerhin um die Mission Titelverteidigung. Naidoo hingegen bekommt seinen Startplatz geschenkt.

Ob er in Stockholm nun gewinnt oder nicht: Eine Auszeichnung kann ihm keiner nehmen. Eine Intiative verlieh ihm jüngst bereits den Preis „Der goldene Aluhut“ für eine der irrsten Verschwörungstheorien im Netz. Und der Spott im Internet geht im Minutentakt weiter. Nutzerin Phine etwa schreibt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber Helene Fischer wäre das weitaus kleinere Übel gewesen.“

Ein unwürdiger Kandidat. Ein Kommentar von Lars Friedrichs

Der deutsche Vertreter für den  ESC in Stockholm wird also von denen da oben diktiert. Und der Auserwählte ist ausgerechnet jemand, der sich als Querulant und systemkritischer Bürger hervorgetan hat.

Andreas Bourani, Helene Fischer, Sarah Connor: Es gibt viele deutsche Popstars, deren Nominierung weniger entsetzte Reaktionen provoziert hätte. Warum also Naidoo? Wollte niemand sonst? Konnte man keinen aussichtsreichen Kandidaten finden, der in den vergangenen Jahren nicht hauptsächlich dadurch aufgefallen ist, dass er eine Rede vor sogenannten „Reichsbürgern“ gehalten, den Bundespräsidenten wegen Hochverrats angezeigt und Deutschland als Kolonie der USA bezeichnet hat? Der Schwule und Pädophile in einen Topf schmeißt?

War ja alles nicht so gemeint, sagt Naidoo jetzt. Und die ARD hilft fleißig   bei der Image-Korrektur: Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber verweist auf eine Dokumentation des Privatsenders Vox. In dieser werde deutlich, dass Naidoo eigentlich ein ganz Netter sei. Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ hatte besagter Doku im Sommer attestiert, sie ergreife „auffällig oft und deutlich Partei für den umstrittenen Sänger“.

Aber unabhängig davon, ob Naidoo mit seinen Auftritten und Aussagen recht oder unrecht hatte oder ob er einfach nur missverstanden wurde: Ein Musiker mit seinem Image passt nicht zu einem Wettbewerb, der Toleranz und Liebe vermitteln soll. Ein Musiker mit seinem Image sollte kein offizieller Repräsentant Deutschlands sein. Naidoo ist ein unwürdiger Kandidat.

Xavier Naidoo im deutschen Fernsehen

Xavier Naidoo ist Dauergast im Deutschen Fernsehen. In den Jahren 2011 und 2012 war er einer der Juroren und Coaches in der deutschen Gesangs-Castingshow „The Voice of Germany“. 2012 trat er zusammen mit Kool Savas unter dem Namen Xavas für das Bundesland Baden-Württemberg beim „Bundesvision Song Contest“ an und gewann diesen. Auf Vox moderierte er die Sendung „Sing meinen Song“ teil.

 

 

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