Wiener Walzer im Sesselwirbel

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25. März 2013, 03:59 Uhr

Kiel | Ernstes Tanztheater und vergnügliches Spiel mit klassischen Mustern bilden einen fesselnden Kontrast im neuen Kieler Ballettabend. Choreografische Fantasien lässt damit Ballettchef Yaroslav Ivanenko weit ausschweifen.

Als Gast hat er die slowakische Choreografin Natalia Horecna engagiert. In ihrem Stück "Vor der Tür" will sie einen Blick in das Innere eines Menschen werfen. Hier eines Mädchens, dessen Eltern zerstritten sind und nur anderen Ehepaaren gegenüber Harmonie vortäuschen. Als der Vater die Mutter schlägt und schließlich tötet, pflegt das Mädchen ihr Grab und überträgt dann zu schwermütiger Musik all ihren Schmerz auf ein langes Solo mit wechselnd zuckenden und fließenden Bewegungen.

Der realistisch-dunklen Seite des Lebens folgt im zweiten Teil eine Jenseits-Vision, in der die Menschen alle unterscheidende Äußerlichkeit von sich werfen. Bald liegen sie totenstarr am Boden, bald drehen und winden, umarmen und trennen sie sich, von befremdenden Urlauten angetrieben, durch grelles Licht angestrahlt. Terry Rileys minimalistische Klänge unterstreichen die beklemmend surrealistische Atmosphäre. Ungewöhnliche Bilder, die einen starken Eindruck hinterlassen.

Als dann nach der Pause drei Schulmädchen in Schottenröckchen zum Jazz von Schostakowitsch munter angehüpft kommen, markiert schon dieser Einstieg den verspielten Grundzug von Ivanenkos eigenem Ballett "Auf dem Wasser zu tanzen". Überwältigend dann die Überraschung beim Walzer aller Walzer "An der schönen blauen Donau". Da fährt, rutscht, kreist und wirbelt das Ensemble auf Cocktail-Sesseln kreuz und quer über die Bühne, doch mit Damen in duftigen Ballkleidern (Entwurf: Elisabeth Richter) kommt auch der traditionelle Paartanz zu seinem Recht.

In einer anderen Glanznummer zeigen vier Tänzerinnen, dass sie Tschaikowskys Schwanensee-Walzer gleichzeitig perfekt auf Spitze beherrschen und dezent parodieren können. Vollends lächerlich machen ihn erst Männer als Schwäne. Zu Liszts Paraphrase von Schuberts Lied "Auf dem Wasser zu singen" (am Flügel: Mzia Jajanidze), das den Titel des Werkes angeregt hat, werden auch seine weiteren Abschnitte erinnernd angetippt. Das Kieler Publikum war hellauf begeistert über diesen großartigen Ballettabend!

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