Trotz Peitschenhieben und Religionspolizei : Wie Imad Heavy Metal nach Saudi-Arabien holen will

In der saudischen Death-Metal-Szene heißt Imad Mudschallid „The Beast from the Middle East“.
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In der saudischen Death-Metal-Szene heißt Imad Mudschallid „The Beast from the Middle East“.

Madiha wird Auto fahren, Jasmin denkt nicht mehr ans Auswandern. Und Imad? Will Heavy Metal nach Saudi-Arabien bringen.

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08. April 2018, 14:22 Uhr

Riad/Dschidda | Die Scheibe beschlägt vom Atem, doch das kümmert das Mädchen nicht. Die Nase ans Glas gedrückt, starrt es ungläubig in den Raum im Restaurant, den nur Männer betreten dürfen. Starrt auf diesen Typen, der so radikal anders ist als die anderen in Saudi-Arabien. Auf der Straße rufen sie ihm „Sohn des Teufels“ hinterher.

Er trägt kein traditionelles Gewand, sondern schwarze Shirts. Darauf stehen Worte wie „Obituary“ - das heißt Todesanzeige und ist ein Bandname. Die krausen Haare fallen bis in den Rücken, der so breit ist, dass Imad Mudschallid kaum auf den Stuhl passt. Wenn der 37-Jährige auf der Bühne steht, lassen seine donnernden Schreie den Saal beben. In der saudischen Death-Metal-Szene heißt er „The Beast from the Middle East“.

Band promo pic in 2008

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Angst vor der Religionspolizei

Doch das Biest hatte jahrelang Angst. Vor der Religionspolizei, vor gesprengten Untergrund-Konzerten, vor Haft und Peitschenhieben. So erging es Freunden. Auch wenn Imad beteuerte „Ich bin Muslim und stolz darauf, in Mekka geboren zu sein“, blieb das ultrakonservative Land hart. Zu ihm, aber auch zu Millionen anderen, die sich Wandel und Freiheiten wünschten. Bis jetzt.

Denn nun keimt Hoffnung im Königreich auf. Die Gesellschaft öffnet sich, von oben verordnet, der Moderne. Frauen dürfen bald wie in jedem anderen Land Auto fahren. In Kürze zeigen Kinos wieder Filme, es gibt Modenschauen und Comic-Messen. Das Land stehe unter Schock, sagen die jungen Saudis. Aber unter einem positiven.

Und Imad träumt. Es sei Zeit, sagt er, die Musik in seine Heimat zu holen: „Ich hoffe so sehr, dass ich der Erste sein werde, der ein Metal-Festival in Saudi-Arabien organisieren wird.“ Aus dem abgetrennten Familienbereich des Restaurants starrt ihn das Mädchen noch immer an. Herüberkommen darf es nicht in dem Staat, in dem Männer und Frauen bisher so gut wie keine Möglichkeit haben sollen, sich über den Weg zu laufen.

Ende der strikten Geschlechtertrennung

Doch das Prinzip der Geschlechtertrennung wird aufgeweicht. Abend für Abend ziehen Gruppen junger Frauen und Männer-Cliquen über die ausladenden Gehwege der feudalen Einkaufsstraße in der Hauptstadt Riad. Die Spannung zwischen ihnen lässt den Geruch von Grillfleisch und das Flackern der Leuchtreklamen in den Hintergrund treten.

Die Mädchen tragen zwar Abajas, die vorgeschriebenen schwarzen Gewänder. Doch häufig sind sie nicht voll verschleiert, zeigen ihre schüchternen Gesichter, manchmal auch die dunklen Haare. Mit den Jungs tauschen sie Blicke und lächeln, bevor sie verstohlen wegschauen. Ihre Freunde kichern.

Ein Greis springt auf. „Nicht erlaubt, nicht erlaubt!“, ruft er und fuchtelt mit dem Finger in der Luft. Seine Zähne sind Gelb, sein Mund verzogen. Alle schauen ihn an, dann prustet er: „War nur ein Witz“, nicht er, sondern nur die Religionspolizei sei gefährlich. Nun lachen auch die Umherstehenden spöttisch, schließlich ziehen die entmachteten Sittenwächter nur noch selten durch Riad.

Die Auto-Aktivistin

Madiha al-Adschrusch kann sich aber noch genau erinnern, wie die Religionspolizei damals angriff. Sie kam näher. Die Frau verriegelte die Türen des Autos. Die Schläge krachten. An die Scheiben. Gegen die Karosserie. „Sie schrien: Ihr seid böse, schlechte Frauen und für nichts zu gebrauchen“, erzählt die heute 64-Jährige.

Al-Adschrusch hatte es gewagt, Auto zu fahren. Mit mehr als 40 Frauen trug sie ihre Wut gegen das Symbol der Unterdrückung im November 1990 erstmals auf die Straßen Riads. Sie habe nichts zu verlieren gehabt, erzählt die Aktivistin. Als Psychologin fand sie keinen Job. Auch ein Fotoatelier durfte sie nicht aufmachen.

Wenn Autofahren schon Aktivismus ist: Madiha al-Adschrusch sitzt in einem Wagen.
dpa

Wenn Autofahren schon Aktivismus ist: Madiha al-Adschrusch sitzt in einem Wagen.

 

Also nahm sie das Auto ihres Mannes und sagte: „Bitte kümmere dich um meine Töchter.“ In ihre Tasche packte sie Wechselkleidung, denn ihre aufrührerische Fahrt würde im Gefängnis enden, da war sie sich sicher. Die Kolonne aus 14 Wagen rollte trotzdem los.

Madiha Al-Adschrusch blieb zwölf Stunden in Gewahrsam. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt sie heute, zieht ihre Schuhe aus und legt die Beine aufs Sofa. Draußen vor ihrem Haus steht ein Wagen samt Fahrer. Doch der Mann wird bald arbeitslos.

Denn ab Juni sollen Frauen sich auch im letzten Land der Erde ans Steuer setzen dürfen. Als die Nachricht vom königlichen Dekret im Herbst um die Welt ging, wurde vor allem der junge Thronfolger gefeiert. Der erst 32 Jahre alte Kronprinz Mohammed bin Salman gilt als die Triebfeder der Erneuerung.

Bringt der Kronprinz die Moderne ins Mittelalter?

MbS, wie er in der Monarchie genannt wird, ist Saudi-Arabiens eigentlicher Herrscher – nicht der König. Vor drei Jahren war er noch ein Prinz unter Hunderten, die Staatsgründer Abdul Asis Ibn Saud (1880-1953) und dessen Nachkommen mit zahlreichen Ehefrauen zeugten.

Bis sein Vater in den Palast einzog. Der altersschwache König Salman brachte ihn als Nachfolger in Stellung. Und ließ ihn ungeheure Macht anhäufen.

In Deutschland warnte der Bundesnachrichtendienst schon früh vor MbS' Temperament. Als Verteidigungsminister ist er für die Eskalation im Jemen-Krieg seit 2015 verantwortlich. Er gilt als Drahtzieher hinter der Blockade des Nachbarstaates Katar und einer Regierungskrise im Libanon im vergangenen Jahr. Auch der Konflikt mit dem Erzfeind Iran schwelt.

Innenpolitisch hat er die Energie und den Machthunger, um gigantische Reformen anzustoßen, die vor allem das wirtschaftliche Überleben Saudi-Arabiens sichern sollen. Ein Regierungsmitglied preist ihn als „Geschenk Gottes“.

Einen Heilsbringer hat der Golfstaat nötig, denn ihm droht im schlimmsten Fall der Untergang. Nicht heute, nicht morgen, doch – wenn die Regierung tatenlos zusieht – wohl zwangsläufig. Das Öl des Landes ist endlich, und der Preisverfall riss in den vergangenen Jahren Milliardenlöcher in den Haushalt. Saudi-Arabien will sich mit einem radikalen Wirtschaftsumbau, der „Vision 2030“, von seiner Abhängigkeit lösen.

Fetten Jahre der Ölmonarchie sind vorbei

Anfang des Jahres führte die Regierung eine Mehrwertsteuer ein. Der Benzinpreis steigt. Und die Saudis sollen nach und nach die Jobs von Millionen Gastarbeitern – vor allem aus Asien – selbst übernehmen.

Ein Land zwischen Mittelalter und Moderne: An vielen Stellen herrscht noch strikte Geschlechtertrennung – und Frauen haben weniger Rechte.
dpa

Ein Land zwischen Mittelalter und Moderne: An vielen Stellen herrscht noch strikte Geschlechtertrennung – und Frauen haben weniger Rechte.

 

Die ganz fetten Jahre der Ölmonarchie sind vorbei. Doch der Umbruch könnte auch daneben gehen. Gleichzeitig neigt sich die Geduld der Saudis unter 30, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, dem Ende zu. Viele haben im Ausland studiert. Sie nutzen soziale Medien intensiv, sind Teil der Globalisierung. Sie wollen haben, was sie aus dem Rest der Welt kennen.

Es war ein historischer Tag im Oktober, als Mohammed bin Salman sich an die Spitze dieser Bewegung stellte: „Wir wollen ein normales Leben“, sagte er auf einer Konferenz in Riad. Er formulierte es als Forderung, gab aber ein Versprechen. Ein „moderater Islam“ solle die radikale saudische Lesart, den Wahhabismus, einfangen. Destruktive Ideen würden „zerstört“. Das verkrustete Königreich stand Kopf.

In Dschidda, der Metropole am Roten Meer, ruft ein Muezzin zum Gebet. Seine Stimme dringt aus dem Lautsprecher der Moschee in die leeren Straßen eines sandigen Viertels und durch die Fenster ins Haus. Imad Mudschallid drischt auf das Schlagzeug und übertönt den Gesang.

Seine Arme wirbeln. Die offenen Haare fliegen. Er verliert sich in der Musik. Den Mund halb geöffnet, streckt Imad die Zunge heraus, bis sich feine Perlen auf seiner Stirn bilden.

Internet als Fenster zur Welt

Es war vor vielen Jahren beim Autofahren, als er ein Gitarrensolo hörte, das sein Leben änderte. Er wollte mehr. Imads Bruder, ein Flugbegleiter, brachte ihm Kassetten aus dem Ausland mit. Brian Adams und die Scorpions. Später Iron Maiden, Judas Priest, Black Sabbath.

Ende der 90er Jahre wurde das Internet für Imad das Fenster zur Welt. Er tippte erstmals den Bandnamen Metallica in eine Suchmaschine. Die Vielfalt, die Genres und Subgenres, überwältigten ihn. Musik – aus dem öffentlichen Leben in Saudi-Arabien weitgehend verbannt – war für den Jugendlichen plötzlich nicht mehr nur Musik.

Doch dem Glück, das er im Metal fand, stand die Brutalität eines Systems gegenüber, das nur die Angepassten belohnt. Immer wieder wurde Imad von der Religionspolizei angehalten und befragt. Bei einer Kontrolle warfen Beamte ihm vor, mit Pornos zu handeln. Er wurde bepöbelt, auf der Straße und im Internet. „Ich habe mich gefühlt wie ein Krimineller“, sagt Imad. „Es ist nicht fair, sich nicht wenigstens erklären zu können. Gib mir einfach Zeit, alles zu erklären. Warum ich das liebe!“ Seine Stimme, in die sich ein heiteres Glucksen mischt, bekommt etwas Flehendes. Wegen dieser Ignoranz verlor er auch Freunde, meint er bitter.

Peitschenhiebe für ein Metal-Konzert

Eine seiner Bands, mit der er in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten auftrat, nannte er Wasted Land – Verschwendetes Land. Auch in Saudi-Arabien spielte er Untergrund-Konzerte. Bis ein Abend den Schock brachte.

In einer der vielen Wohnanlagen in Riad – abgeriegelten Inseln der Freizügigkeit – flogen sie 2010 auf. Ein Metal-Konzert war in vollem Gange, als sich die Religionspolizei vor dem Komplex aufstellte. Die beiden Organisatoren, Bekannte Imads, saßen Monate in Haft, die Peitsche schlug 300 Mal auf ihre Körper.

Danach war das Leben in der Szene erloschen. In einem Lied von Wasted Land schreit Imad: „Warum bleiben wir ruhig, während eine Gesellschaft von temperamentlosen Drückebergern immer die lautere Stimme hat?“

Jasmin: Geschieden und alleinerziehend

Je dicker die Mauern, desto wilder die Partys: Das echte Leben spielte sich in Saudi-Arabien lange Zeit nur hinter verschlossenen Türen ab. Türen wie der von Jasmin Gahtani, deren weitläufiges Haus wegen eines Grunge-Konzerts vergangenes Jahr überfüllt war.

Die saudi-arabische Kletterlehrerin Jasmin Gahtani trainiert in ihrem Haus an einer Kletterwand.
dpa

Die saudi-arabische Kletterlehrerin Jasmin Gahtani trainiert in ihrem Haus an einer Kletterwand.

 

Die alleinerziehende Mutter trägt blaue Chucks und löchrige Jeans, im Kinderzimmer hinter ihr hangeln ihre Zwillinge an einer Kletterwand. Seit der Scheidung von ihrem Mann kümmert sich die 39-Jährige alleine um die Kinder. Auch in Saudi-Arabien nichts Ungewöhnliches mehr.

Saudi-Arabien hätte sie schon lange verlassen können, aber Auswandern sei vor allem jetzt kein Thema mehr. Es sei die Zeit, um zu bleiben. Die Menschen müssten nicht mehr wie eine Herde Schafe umherlaufen. „Und das werden sie zurückgeben“, ist sich Jasmin Gahtani sicher, die Kletterkurse für Frauen gibt.

Es sind die jungen Frauen und Männer, die die Machtbasis von Prinz Mohammed bilden. Ihre neuen Freiheiten werden zum Gegenwert, um einschneidende Reformen und verlorene Privilegien zu kompensieren.

Zudem braucht MbS Frauen mit Führerschein als Arbeitskräfte und eine Geld bringende Unterhaltungsindustrie für den Aufbau der Privatwirtschaft.

Wie weit der Umbruch gelingt, weiß niemand. Klar ist nur, dass es keine politischen Zugeständnisse geben soll: Die Macht des Königs bleibt absolut. Gleichzeitig wendet MbS sich gegen das jahrhundertealte Bündnis der Herrscherfamilie Al Saud mit den Wahhabiten, den Vertretern einer der radikalsten Ausprägungen des Islam. Der Pakt mit den Geistlichen ist Grundpfeiler Saudi-Arabiens.

Gegner des Reformers

Für Mohammed bin Salman ist es deshalb ein gefährliches Spiel. Die Kleriker, die Alten, die Eliten, die Männer, Teile der weit verzweigten Königsfamilie: Es gilt als sicher, dass viele im Wüstenstaat nicht begeistert sind, dass ein Königssohn wie aus dem Nichts aufkreuzt und das Land umsteuert. Doch öffentlicher Widerstand ist bislang nicht sichtbar.

Auch weil der Kronprinz jeden Dissens erstickt. Als er Hunderten Geschäftsleuten, Würdenträgern und sogar Prinzen Korruption vorwarf, trieb er sie monatelang im Ritz-Carlton in Riad zusammen. Das Hotel wurde als luxuriösester Knast der Welt bekannt.

Die Eliten, auch Politiker, halten sich deshalb noch bedeckter als sonst. Mit Journalisten zu sprechen, ist für viele zu riskant, keiner möchte den Unmut des Prinzen wecken. Niemand wolle „der Nächste“ sein, sagt einer auf dem Flur eines Ministeriums.

Zwischen Hoffnung und Angst

Ein anderer erzählt, wie saudische Geschäftsleute kürzlich hilflos zu jungen Frauen herüberschauten, die sich in einem Café fläzten und Selfies machten. „Denen würde ich jetzt eigentlich was erzählen“, habe einer geseufzt. Aber „der da oben“ wolle das ja so. Er streckte den Zeigefinger gen Himmel und meinte Mohammed bin Salman.

Saudi-Arabien befindet sich inmitten einer Zeitenwende aus Aufbruchstimmung und Angst. Viele sehen Chancen, andere fürchten um ihren Platz in der Gesellschaft. Eine explosive Mischung.

Imad Mudschallid will seine Chance jedenfalls nutzen, um die Metal-Musik ins Königreich zu holen. Immerhin erlaubten die Behörden vor kurzem ein Rap-Konzert des US-Stars Nelly. Warum also nicht auch die erste große Metal-Show? In seiner Schublade hat Imad eine Liste mit Bands, die er gerne für ein Konzert zu seinem Geburtstag im November einladen würde. „Ich trinke nicht, aber die Metaller wären bestimmt angepisst, dass es hier keinen Alkohol gibt“, meint er. Doch sie würden trotzdem kommen. Ganz sicher.

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