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60. Todestag : Wie Emil Nolde zu dem Künstler wurde, der er war

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Emil Noldes wurde mit farbstarken Gemälden und Aquarellen bekannt. Wie wurde der norddeutsche Künstler so erfolgreich?

Neukirchen | Um das gewaltige Werk „Das Leben Christi“ im früheren Wohnhaus Emil Noldes nahe der dänischen Grenze zeigen zu können, musste erst mal der Fußboden raus. Die ehemalige Werkstatt musste abgesenkt, ein Fenster zugemauert werden. Doch wer den Expressionisten verstehen will, kommt auch 60 Jahre nach dessen Tod nicht an diesem größten Gemälde Noldes vorbei. In kaum einem anderen Werk wird seine Wende zur Moderne so sichtbar.

Blick auf das Haus des Malers Emil Nolde.
Blick auf das Haus des Malers Emil Nolde. Foto: dpa

Sechs Meter breit, knapp 2,40 Meter hoch, neun Szenen hat das Polyptychon – doch ein Motiv will so gar nicht dazu passen. Nicht zur Jahresausstellung „Das Spätwerk“, nicht zu Nolde. Es ist der Kuss des Judas, den er 1911 schuf. Er malte das fromme Bild, kurz nachdem er eine schwere Trinkwasservergiftung überlebt hatte. „Die Bibel diente ihm als Ideengeber“, sagt Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll. Ideen, von denen sich der deutsche Künstler mit dem dänischen Pass bereits in den acht anderen Szenen lösen sollte. Von dort an, sagt Ring, habe Nolde „aus sich selbst heraus“ gemalt. Es scheint, als wollte sich Nolde für das Judas-Motiv sogar rechtfertigen: „Er schrieb, es sei ihm nur um das Licht der Fackeln im Garten Gethsemane gegangen“, sagt Kuratorin Caroline Dieterich.

Für seine Kunst rechtfertigen müsste sich der religiös erzogene Bauernsohn heute nicht mehr. Seine Aquarelle und Gemälde hängen in Museen weltweit, die Nolde-Stiftung in der weiten Marschlandschaft besuchen 62.000 Menschen pro Jahr. Auf dem Kunstmarkt wurden 2005 selbst für eine düstere Radierung „Binnenhafen“ mehr als 12.000 Euro bezahlt – 1914 kostete sie 55 Mark. So nachgefragt der künstlerische Einzelgänger, der nie eigene Schüler hervorbrachte, heute ist, so schwer hatte er es anfangs: Der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, wollte Noldes Radierungen zunächst nicht mal geschenkt haben, wie Kunsthistorikerin Karin Schick einmal sagte.

Dass Noldes ungestümes und farbenfrohes Werk so erfolgreich wurde, hatte er auch seiner dänischen Frau Ada zu verdanken. Strategisch kümmerte sie sich um die gemeinsamen Kontakte nach Hamburg, Berlin oder Kopenhagen.

Häuser, Windmühlen oder Entwässerungsgräben blendete Nolde in seinen Werken oft aus. „Es geht ihm nicht ums wirkliche Abbilden“, ergänzt Caroline Dieterich. Das Ekstatische, das Zwischenmenschliche habe ihn gereizt, kombiniert mit seiner Maltechnik, bei der er die Farbe mit meterlangen Pinseln geradezu auf die Leinwand schlug. Dabei sei auch die karge wie faszinierende Landschaft Nordfrieslands ein Schlüssel zu Noldes Werk.

Auch politisch liebäugelte der von den Nazis verfemte Künstler mit vermeintlich nordischen Ideen, galt als Anhänger des Faschismus – und kritisierte etwa den jüdischstämmigen Max Liebermann. 1934 trat er der „Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Schleswig“ (NSAN) bei und buhlte bei den Machthabern um Anerkennung. „Das macht es so schwer, dass der Maler, der diese grandiose Kunst geschaffen hat, leider kein Widerstandskämpfer war“, sagt Ring. Seine genaue Rolle ist bis heute ungeklärt. Diese dunkle Periode ist umso verwunderlicher, als dass Noldes Werke seit seiner Wende im religiösen Zyklus so radikal expressionistisch waren, dass sie gar nicht zu einer Volksgemeinschaft passten, wie sie die Nazis propagierten.

Wer Noldes Farben mal erlebt hat, dürfte ihm aber dankbar sein, dass er sich künstlerisch dem nicht anpasste. Denn hätte er, wie an der Akademie, weiter Tizian kopiert, wäre die Kunst um einen Wegbereiter der Moderne ärmer.

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erstellt am 10.Apr.2016 | 10:25 Uhr

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