Elizabeth George legt nach : «Wer Strafe verdient» - Einsatz für Lynley und Havers

«Wer Strafe verdient» von Elizabeth George. Goldmann Verlag München
«Wer Strafe verdient» von Elizabeth George. Goldmann Verlag München

Ein pädophiler Diakon, der in Haft Suizid verübt? Barbara Havers wird nach Ludlow beordert, um den bereits abgehakten Fall neu aufzurollen. Leider ist dabei ihre Chefin Isabelle Ardery im Wege. «Wer Strafe verdient» heißt der neue Roman von Elizabeth George.

shz.de von
06. November 2018, 15:26 Uhr

Das Thema Pädophilie in Kirchenkreisen beschäftigt auch die Einwohner der mittelalterlichen englischen Stadt Ludlow.

Zwar kann sich niemand so recht vorstellen, dass ihr unermüdlich hilfsbereiter Diakon Ian Druitt Kinder missbraucht haben soll, wie ein anonymer Anrufer behauptet hat. Aber ist sein Suizid in Polizeigewahrsam nicht vielleicht doch ein Eingeständnis?

Druitts Vater, ein einflussreicher Unterstützer der regierenden Partei in London, glaubt jedoch weder an Pädophilie noch an den Suizid und macht seinen Einfluss auf die Politik geltend: Scotland Yard soll die Angelegenheit untersuchen und seinen Sohn von jeder Schuld reinwaschen. Doch statt ihres Aushängeschilds, den blaublütigen und vornehmen Inspektor Thomas Lynley, schickt die Bestsellerautorin Elizabeth George dessen Chefin und ehemalige Geliebte Isabelle Ardery an den Ort des Verbrechens. «Wer Strafe verdient» heißt der neue Roman der Amerikanerin (Jahrgang 1949). Und es zeigt sich, dass sich unter dem gutbürgerlichen Deckmantel von Ludlow viel Strafbares verbirgt, das nach Aufklärung verlangt.

Pech für Sergeant Barbara Havers: Detective Chief Superintendent Ardery nimmt ausgerechnet sie mit in die Provinz, obwohl sich beide Frauen nicht ausstehen können. Lynley argwöhnt, dass Ardery nur einen Grund sucht, um die stets am Rande der Legalität agierende Havers bei einem Dienstvergehen zu erwischen und sie endgültig abzuschießen. Er warnt Barbara. Und so versucht sie sich anfangs recht erfolgreich in Disziplin. Bis sie bei den Recherchen in Ludlow auf Ungereimtheiten stößt, aber auch bald merkt, dass Ardery kein Interesse an ausführlicher Ermittlung hat und nur so schnell wie möglich das Ergebnis der örtlichen Polizei bestätigen und nach London zurückkehren will.

Einer der Gründe: ihre uneingestandene Trunksucht. Ein anderer: erhebliche Probleme mit ihrem Ex-Mann, der mit beiden gemeinsamen Kindern und neuer Ehefrau nach Neuseeland übersiedeln will. Und schon setzt sich Havers, die derweil auf immer mehr Fragen als Antworten stößt, über Arderys Anordnungen hinweg. Zurück in London drängt sie Barbara, ihren Abschlussbericht zu fälschen, was auffliegt.

Nun wird Lynley nach Ludlow und Umgebung geschickt. Wieder mit Havers im Gefolge. Nicht nur die Behörden vor Ort, sondern auch Lügengespinste aus allen Kreisen machen dem in 20 Vorgängergeschichten äußerst erfolgreichen Ermittler-Duo schwer zu schaffen. Und es dauert lange, sehr lange, bis sie ihre Ahnungen mit Beweisen untermauern können.

Dass die Recherchen mitunter recht zäh verlaufen, ist auch dem redundanten Stil der Autorin geschuldet. Obwohl ihre Protagonisten oft eher verschwiegen sind, wirkt die detailgetreue und nicht selten wiederholte Schilderung von Umfeld, Personen, Ereignissen, Gesprächen und Gedanken geschwätzig. Was natürlich zu einem wie auch schon in ihren letzten Büchern bemängelten, nicht notwendigen Umfang von mehr als 850 Seiten geführt hat.

Man muss der im US-Bundesstaat Washington und in London lebenden Autorin zu Gute halten, dass ihre Geschichte interessant ist, der Fall samt Nebenschauplätzen und -delikten sehr realistisch erscheint und ihr bewährtes Ermittler-Gespann sympathisch wie immer rüberkommt. Vor allem aber wirkt die von ihr beschriebene klassische Detektivarbeit, bei der sich die Polizisten die Hacken ablaufen, gepaart mit sehr viel Fingerspitzengefühl, angemessener Sozialkritik und ein bisschen moderner Technik, wesentlich authentischer als die so oft in Film und Fernsehen demonstrierte hochtechnologisierte Lösung konstruierter Kriminalfälle. Ja, George belegt mit Empathie, dass große Verbrechen kleinen, aber bedeutungsschweren Fehlern oder Fehleinschätzungen entspringen können, die ihre Wurzeln in individuellen Erfahrungen, falscher Erziehung und/oder in persönlicher Überschätzung haben.

Wie zumeist erfährt man auch in diesem Band der Lynley-Reihe wieder Neues über den Inspektor, über Havers und andere Kollegen, was einen Großteil der Leserbindung ausmacht. Besonders ausführlich beschäftigt sich Elizabeth George dieses Mal allerdings mit der nicht unbedingt beliebten Isabelle Ardery und ihrer Alkoholkrankheit. Und das so intensiv, dass man mitleidet, obwohl man diese Frau doch gern aus dem Blickwinkel verdammen würde.

Mit ihrem scharfen Focus auf die Schwächen der Menschen beweist die ausgebildete Psychologin, der es als Amerikanerin gelang, in die Phalanx der großen britischen Kriminalschriftstellerinnen aufzusteigen, ihre Stärke: die Zeichnung vor allem von problembeladenen Personen, wozu natürlich auch Lynley und Havers gehören. Noch eins, von dem die Autorin ausgeklammert ist: Der Verlag sollte sich fragen, «Wer Strafe verdient», denn dieses alles in allem fesselnde Opus weist Grammatikfehler auf, vor denen man nicht die Augen verschließen kann.

- Elizabeth George: Wer Strafe verdient, Goldmann Verlag München, 864 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-4423-1373-0.

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