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«Die Verbannte» : Wenn selbst eine Krankheit Hoffnung birgt

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Ein junges Mädchen, das als Verbannte auf dem Land leben muss, und ein alternder Schriftsteller in der Hauptstadt. Sie lernen sich nie kennen, aber ihre so verschiedenen Leben beeinflussen sich auf fatale Weise gegenseitig.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2017 | 11:37 Uhr

Im kommunistischen Albanien waren knapp 60 000 Menschen interniert. Der Übersetzer und Albanien-Kenner Joachim Röhm steuert die Fakten im Nachwort zu Ismail Kadares Roman «Die Verbannte». 

In Sippenhaft waren ganze Familien gezwungen, fernab der Städte zu leben. Auch wenn sie nicht im Gefängnis saßen: Sie durften den zugewiesenen Ort nicht verlassen, waren geächtet und hatten keine Rechte. Was das mit den Kindern dieser Familien machte, die Freiheit nie erlebt haben, davon erzählt der 2009 in Tirana und nun bei S. Fischer auf Deutsch erschienene Roman.

Hauptfigur ist ein alternder Schriftsteller, dem Regime gegenüber kritisch eingestellt, aber linientreu, um publizieren zu dürfen. Nach der Uraufführung eines seiner Stücke bittet ihn eine junge Frau um eine Widmung für eine Freundin: Linda B. Dass die junge Frau einer verbannten Familie angehört - als Grund genügte, dass ihre Vorfahren adelig waren - weiß er nicht, sie ist nur ein Name. Die Botin, Migena, aber ist aus Fleisch und Blut. Der Autor beginnt eine Affäre mit ihr, bis sie plötzlich verschwindet. 

Licht in das Rätsel bringen ausgerechnet Polizei und Geheimdienst. Durch Ermittler und Spitzel erfährt er, dass Linda B. sich das Leben nahm - streng verboten im kommunistischen Albanien. Was sie dazu bewog, ist die eigentliche Geschichte in diesem Buch: die herzzerreißende Geschichte einer jungen Frau, die sich nach der Stadt, dem Leben, nach Liebe sehnt - alles, was die Verbannung ihr verwehrt. Der Schriftseller, den sie aus der Ferne anhimmelt, wird zur Personifikation ihrer Sehnsüchte. Selbst eine tödliche Krankheit sehnt sie herbei in der Hoffnung auf einen Ausweg. 

Mehr als die Hälfte des Buchs handelt von der Situation des Schriftstellers, seiner Schaffenskrise, seinen Erfahrungen mit dem Regime, seinen Liebschaften. Neben den am Rande karikierten Parteikadern und Geheimdienstlern bleibt nur noch wenig Platz für Linda B. Das ist schade, denn nur hier hat das Buch des Albaners wirklich Potenzial. So bewegt das kurze und sachliche Nachwort des Übersetzers Joachim Röhm mit der Wucht seiner Zahlen fast mehr als der Roman. 

-  Ismail Kadare: Die Verbannte, S. Fischer, Frankfurt, 208 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-10-038416-4.

Die Summe aller Möglichkeiten

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