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Wenn nur noch fünf Minuten übrig bleiben

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erstellt am 02.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Was würde man tun, wenn man nur noch fünf Minuten zu leben hätte? Mit dieser existenziellen Frage entlässt das Thalia Theater in Hamburg sein Publikum nach gut vier Stunden in die Frühlingsnacht. Die Frage wird nachhallen wie die gesamte großartige Inszenierung von "Die Brüder Karamasow". Regisseur Luc Perceval hat Dostojewskijs mehr als 1000 Seiten umfassenden Roman zusammen mit der Dramaturgin Susanne Meister für die Bühne bearbeitet, ihn verschlankt und so immer wieder Erstaunen hervorrufenden Theaterabend geschaffen.

Das beginnt schon mit der Bühne (Annette Kurz): Vom Schnürboden herab hängen metallene Klangstäbe in unterschiedlichen Stärken. Sie wirken wie die kahlen Baumstämme russischer Birkenwälder. Durch das Spiel der Figuren sind sie ständig in Bewegung, klingen, wenn sie gegeneinander stoßen und hallen wie Kirchenglocken, wenn sie mit einem Schläger bearbeitet werden.

Wie von Aljoscha (sehr sensibel und zurückgenommen gespielt von Alexander Simon) zum Beispiel. Er, der jüngste der drei Karamasow-Brüder, lebt im Kloster. Die Glockenschläge leiten die Gerichtsverhandlung um den Mord an dem alten Karamasow ein, zu der alle Brüder erschienen sind. Aus der Rückschau rollt Perceval die Geschichte der Familie um die drei unterschiedlichen Brüder und ihren verhassten Vater auf. Klar arbeitet er nicht zuletzt durch die Besetzung von Burghart Klaußner in der Dreifachrolle von Vater Karamasow, Ankläger und Verteidiger die schwierige Frage nach Schuld und Verantwortung heraus. Dabei geht es längst nicht mehr um die tödlichen Schläge, sondern um grundlegende Haltungen und Werte. Welche Schuld trägt Dimitrij (Bernd Grawert), der ständig in Geldnöten ist und dessen neue Geliebte Gruschenka (Patrycia Ziolkowska) sich vom Geld des alten Karamasows locken lässt? Und was ist mit dem klugen Zweifler Iwan? Er hat sich aussichtslos in Dimitrijs abgeschobene Verlobte Katerina (Alicia Aumüller) verliebt und besucht Aljoscha in seiner Mönchszelle. Sein Verzweifeln an einer Welt, die Folter und Grausamkeit zulässt und die angeblich von Gott erschaffen sein soll, zeigt Jens Harzers eindringlicher, berührender Iwan, wenn er fast eine halbe Stunde auf seinen jüngsten Bruder einredet. Der ist das stille Zentrum dieses Abends, er stellt am Schluss die entscheidende Frage, die nachhallt wie die Klangstäbe. Langer, begeisterter Beifall.

Nächste Aufführungen: 8. Mai, 20 Uhr. 28. Mai, 19 Uhr. 1. Juni, 19 Uhr.

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