WGT 2018 : Wave Gotik Treffen in Leipzig: 20.000 Gruftis feiern sich und ihre Szene

Schaulaufen auf dem Wave Gotik Treffen.
Extravaganz gehört zur Gothic-Szene wie die Musik. Beim Wave Gotik Fest in Leipzig, zu dem am Pfingstwochenende rund 20.000 Mitglieder der Schwarzen Szene anreisen, gibt es von beidem reichlich.

Am Pfingstwochenende sieht Leipzig schwarz: Zum 27. Mal trifft sich die Szene in der sächsischen Metropole.

shz.de von
18. Mai 2018, 09:42 Uhr

Es ist eine finstere, mittlerweile geliebte Tradition: Am Pfingstwochenende färbt sich das Stadtbild von Leipzig schwarz. Hier hält die Gothic-Szene ihr alljährliches Familientreffen ab. Rund 20.000 Teilnehmer werden in der sächsischen Metropole erwartet, die an diesem Wochenende sich selbst und ihre extravagante Szene feiern. Und die ganze Stadt feiert mit.

Während das Kürzel WGT für die Mitglieder der Gothic-Szene auf der ganzen Welt einen fast magischen Klang hat, kann außerhalb der Schwarzen Szene wohl kaum jemand etwas mit den drei Buchstaben anfangen. Leipziger ausgenommen, denn in der sächsischen Stadt findet dieses ominöse WGT traditionell statt. Seit mittlerweile 27 Jahren steigt in Leipzig Jahr für Jahr am Pfingstwochenende das Wave Gotik Treffen, kurz WGT, und es ist auf jeden Fall das räumlich größte Szene-Treffen der Gruftis aus aller Welt, denn es nutzt die ganze Stadt.

Musik, Museen und ein Mittelalter-Dorf

Weit mehr als 200 Künstler werden von den Organisatoren für die vier Tage gebucht, die musikalische Bandbreite reicht von Klassik bis Metal, von Folk bis Rock, von Elektro bis Mittelalter, gespielt wird in verschiedenen Spielstätten über die ganze Stadt verteilt. Museen haben geöffnet, es gibt Lesungen, Führungen (auch, aber nicht nur über den schönen Südfriedhof), Theatervorstellungen, Workshops und obendrauf ein ganzes Mittelalter-Dorf.

Tausende Gruftis überall in der Stadt

Im Ticketpreis enthalten: die öffentlichen Verkehrsmittel, damit die schwarzen Gäste gut und sicher von A nach B nach C kommen. Diese Besonderheit des WGT sorgt dafür, dass sich Tausende Festival-Teilnehmer – anders als etwa beim zahlenmäßig noch größerem „M‘era Luna“-Festival in Hildesheim, deren 25.000 Besucher sich auf einem Flugplatzgelände konzentriert tummeln – mitten unter die Leipziger mischen.

Gothics und der Geldsegen

Die sind vorbereitet: Pünktlich zum WGT räumen die Drogerien schwarzen Kajal, Lippenstift, Nagellack und Haarspray in die vorderen Auslagen, Eiscafés kreieren schwarzes Eis, Pizzerien schwarzen Pizzateig, die Bäcker bieten „Vampirzähne“ an und Bekleidungsgeschäfte hüllen ihre Schaufensterpuppen in Tiefschwarz. Das WGT ist angekommen in Leipzig, auch monetär: Rund zwölf Millionen Euro spülen die WGT-Besucher am Pfingstwochenende in die Kassen. Schon Monate vorher sind die Unterkünfte ausgebucht, Hotelpreise verwandeln sich kurz vor Pfingsten in allseits gefürchtete Messepreise, und die örtlichen Verkehrsbetriebe polieren die Grufti-Sonderlinie, die auf direktem Weg zum Agra-Messegelände im Süden der Stadt fährt, wo die größten Konzerte des WGT stattfinden.

Ein Fest für Fotografen

Längst wissen auch Nicht-Gruftis, dass es zu Pfingsten in Leipzig viel zu Staunen gibt. Denn Gothics pflegen einen extravaganten, meist auffälligen Kleidungsstil. Schwarz mag der gemeinsame Nenner sein, doch die Szene ist kreativ und nie homogen, weder im Musikgeschmack noch in der Mode. Diese Vielfalt lockt. Vor allem das frei zugängliche Viktorianische Picknick am Freitagnachmittag im Clara-Zetkin-Park ist ein Magnet für interessierte Zaungäste, Familien, Touristen und vor allem Hobbyfotografen. Die kommen hier voll auf ihre Kosten und bekommen vom bunten Irokesen über den klassischen Waver bis hin zur gepuderten Rokoko-Frisur samt Reifrockrobe nahezu alle Schattierungen der Szene auf einmal vor die Linse. Und wer auf Lack und Leder hofft, wird auch das hier finden.

Kritik aus der Szene an der Szene

Natürlich gibt es auch Kritik an der vielen Knipserei. Viele vor allem ältere Szenemitglieder empfinden die Zurschaustellung als karnevalesk und als Verrat an den ursprünglichen Traditionen. Tatsächlich liegen die Wurzeln der Gothic-Kultur im Punk, als alternative Gegenbewegungen entstanden ab Ende der Siebzigerjahre Musikrichtungen wie Post Punk, Wave, New Wave und Gothic Rock, elektronische Einflüsse kamen hinzu, dazu mittelalterliche Klänge, auch Folk- und Klassik-Bands zählen mittlerweile zur Szene, genauso wie harsche Industrial-Klänge oder Vertreter der sogenannten Neuen Deutschen Härte, die die Brachialrocker Rammstein längst salonfähig gemacht haben.

Immer noch ein Musikfest

Und so ist auch das Wave Gotik Treffen in Leipzig, bei aller optischer Extravaganz, immer noch ein großes Musikfest. Das auch Stars anzieht, in diesem Jahr zum Beispiel Blixa Bargeld von den Musik-Urgesteinen Einstürzende Neubauten. Und während die Stino-Hobbyfotografen zu Hause ihre vielen Gothic-Schnappschüsse sortieren, werden Tausende Gruftis also das tun, was sie wohl am liebsten tun: Musik hören und sich selbst und ihre Szene feiern. Wie jedes Jahr am Pfingstwochenende beim WGT in Leipzig.

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