zur Navigation springen

Waschen, schneiden, träumen

vom

Der Fotograf Nicolaus Schmidt hat einem besonderen Friseursalon in New York ein Fotobuch gewidmet

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2013 | 03:59 Uhr

New York | Der Friseursalon am Astor Place ist ein Museum, das lebt. Die Wände sind tapeziert mit vergilbten Fotos von Stars. Die junge Susan Sarandon, Schauspieler Kevin Bacon und Bruce Willis - sie alle haben sich in dem Laden schon einmal die Haare schneiden lassen. Trotzdem belagern keine Touristen den großen Raum. Bis zu 50 Friseure arbeiten im Keller des unscheinbaren Hauses in Downtown Manhattan. Rasierer schnurren und Scheren quietschen, die Musik verschluckt das leise Geplapper, Neonröhren tauchen den Raum in fahles Licht. Die Atmosphäre bekommt der Laden jedoch vor allem durch seine Friseure, die aus allen Ecken der Welt nach New York gekommen sind, um den amerikanischen Traum wahr werden zu lassen.

Mehr als einen Monat lang hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner Nicolaus Schmidt zwischen Frisierstühlen und Haarbüscheln fotografiert, um diese Atmosphäre für sein Buch "Astor Place, Broadway, New York" (Kerber-Verlag) einzufangen. Eigentlich sollte es ein Buch über verschiedene Friseure in Berlin und New York werden, ein paar Bilder waren bereits geschossen.

"Ein New Yorker Freund sagte zu mir, ich müsse mir unbedingt den Laden am Astor Place anschauen, der sei einfach legendär", erzählt der 60-Jährige. Schon nach zwei Tagen am Astor Place war dem Künstler klar: Neben den Bildern aus dem New Yorker Keller bestehe keine Aufnahme aus einem anderen Friseursalon.

Grund dafür ist etwa Valentino Gogu, Urgestein des Ladens. Der gebürtige Rumäne ist Anfang der 80er Jahre nach Amerika gekommen. Über 30 Jahre arbeitet er im Friseursalon. Zu seinen Stammkunden gehören ein Milliardär und eine ältere Frau, die mittlerweile 105 Jahre alt sei. Der 65-Jährige arbeitet sieben Tage die Woche, oft zwölf Stunden. "Was sollte ich denn sonst machen", fragt Gogu und lächelt spitzbübisch. Er hat keine Familie in New York - der Friseursalon ist zu seinem Zuhause geworden.

Die Besitzer haben ebenfalls europäische Wurzeln: Deren Großvater kam aus Sizilien und gründete den Laden 1947. "Der Laden repräsentiert für mich die ursprüngliche Idee Amerikas - in diesem Friseursalon wird noch sein Versprechen einlöst", sagt Fotograf Schmidt. "Jede Phase der Migration ist dort vertreten." So kommen viele der Friseure aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Lateinamerika und aus Arabien. Sie vermitteln ihren Kunden dabei das Gefühl, sich in dem Laden willkommen zu fühlen. Am Wochenende gibt es Karaoke, öfter setzt sich jemand an das Klavier und spielt ein paar Lieder.

Friseurin Jessica beschreibt die Atmosphäre so: "Ich will die Leute glücklich machen. Wir lachen hier zusammen. Und wir weinen zusammen." Oft kommen Kunden einfach vorbei, um ein bisschen mit ihr zu quatschen. Auch die Schichten, aus denen die Kunden kommen, sind sehr unterschiedlich. Mit 16 Dollar pro Haarschnitt können sich auch Normalverdiener den Friseurbesuch leisten. "So einen guten Preis bekommen die Leute nicht einmal im New Yorker Umland", sagt Jessica.

Nicolaus Schmidt: Astor Place, Broadway, New York. Kerber-Verlag, 192 Seiten, etwa 30 Euro, ISBN

978-3-86678-806-0

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen