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Was ist Kitsch, was ist Kunst?

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Ausstellung über "Böse Dinge" im Museum für Kunst und Gewerbe

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Schuhe mit dem Konterfei von Barack Obama, ein USB-Stick in Form eines Fingers, ein gehäkelter Toilettensitz: Lauter "Böse Dinge" sind seit gestern bis zum 15. September im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen. Unter dem Titel "Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks" wolle die Ausstellung den Diskurs um "guten" und "schlechten" Geschmack aufgreifen und stellt dafür historische und aktuelle Positionen gegeneinander, teilte das Museum am Mittwoch mit. Die Besucher sind eingeladen, sich an der Geschmacksdebatte aktiv zu beteiligen. Die Schau vom Werkbundarchiv war zuvor im Berliner Museum der Dinge zu sehen.

Das Konzept basiert auf der Publikation "Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe" des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek von 1912. Darin entwickelt er einen komplexen Kriterienkatalog, der auch die Grundlage für seine "Abteilung der Geschmacksverirrungen" im Stuttgarter Landesmuseum ist. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der die bis heute aktuelle Debatte um die "Gute Form" im Design auslöst. Die Ausstellung präsentiert etwa 60 Objekte aus seinem "Schreckenskabinett" und konfrontiert diese mit Designobjekten aus der Gegenwart.

Die Palette des Kitsches ist breit: ein Bierkrug mit Wassernixe, eine Kaffeetasse mit Blattgold, ein kleiner Klavierflügel aus Glas und eine Espresso-Tasse aus Kork. Geworben wird für die Ausstellung mit Plakaten, die ein Handy mit überbordendem Glasschmuck zeigen. Kitsch macht auch vor Religion nicht halt: Madonnen aus Plastik, Papst Benedikt XVI. auf dem Schmuck-Ei und die Moschee als bunter Wecker. "Der Schrei" von Edvard Munch kann als Puppe aufgeblasen werden.

Eine Auswahl in der Mitte der Ausstellung zeigt, was heute als "Böse Kunst" gelten könnte: ein ausgestopfter Waschbär als Deko, ein Portemonnaie aus einer getrockneten Aga-Kröte oder ein rosa "Teletubby" mit gesundheitsschädlichen Weichmachern. Ein weiterer Raum zeigt drei Zerstörungsmaschinen des Schweizer Künstlers Antoine Zgraggen, die Kitsch vernichten können. Sie sollen in Hamburg allerdings nicht in Betrieb genommen werden.

Im Rahmen der Ausstellung können Besucher bei einer Tauschbörse all ihre aus der Mode gekommene Deko-Stücke, überflüssigen Souvenirs, Schwiegermutter-Geschenke oder aus einer Laune heraus gekauften Kitsch-Artikel mitbringen - und gegen ein "böses" Ding der anderen tauschen. Jeder mitgebrachte Gegenstand bekommt ein Identifikationskärtchen, auf dem sich der ursprüngliche Besitzer verewigt und den Grund nennt, warum der Gegenstand aus seiner Sicht "böse" ist.

"Böse Dinge", Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, Internet: www.mkg-hamburg.de

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