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Nachfolger für Joachim Gauck : Warum man Bundespräsidenten nicht nur in der Politik suchen sollte

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Suche nach einem Nachfolger für Bundespräsident Joachim Gauck konzentriert sich auf die Politik – das war nicht immer so.

Berlin | Im Vergleich zu den Stellenanzeigen für normale Führungspositionen sind die Anforderungen an den Kandidaten für das höchste Staatsamt ausgesprochen bescheiden: Die deutsche Staatsbürgerschaft wird verlangt, dazu ein einwandfreier Lebenslauf und ein Alter von mindestens 40 Jahren. Trotz dieser übersichtlichen Voraussetzungen gestaltet sich die Suche nach einem Bewerber schon traditionsgemäß als schwierig.

Obwohl von allen Entscheidungsträgern, und das sind in erster Linie die Parteien, täglich in Interviews und Artikeln versichert wird, dass zurzeit auf keinen Fall Namen genannt werden sollten, werden von allen Seiten mögliche Kandidaten präsentiert. Es sind bisher fast ausnahmslos Namen, die jeder politisch Interessierte kennt: Der Parlamentspräsident, der Außenminister, der Finanzminister, ein grüner Ministerpräsident, kurzum die gesamte prominente Nomenklatura.

Als ob es nicht auch außerhalb der Politik geeignete Kandidaten gäbe. In der Wissenschaft, vielleicht sogar in der Kultur. Der Ausschluss ganzer Berufsgruppen bei der Suche nach einem Präsidentschaftskandidaten war noch nie derart strikt wie bei dem bevorstehenden Wahlgang, und es besteht wenig Aussicht, dass sich dies in den nächsten Monaten noch ändert.

Vorschläge früher: Thomas Mann oder Siegfried Lenz

 

Ein Blick zurück beweist, dass dies nicht immer so war. Als Deutschland im braunen Sumpf versank und Thomas Mann aus dem amerikanischen Exil wortgewaltig für einen demokratischen Neuanfang plädierte, kam von verschiedenen Seiten der Vorschlag, der Nobelpreisträger möge sich als Staatsoberhaupt zur Verfügung stellen. Thomas Mann war geschmeichelt, winkte aber schnell ab. Gut vier Jahrzehnte später empfahl Günter Grass den Kollegen Siegfried Lenz als Nachfolger des Liberalen Walter Scheel. Doch es blieb bei Gedankenspielen. Die Bundesversammlung wählte stattdessen 1979 den erzkonservativen Karl Carstens. Der Autor der „Deutschstunde“ muss geahnt haben, dass seine Chancen gering waren. Zwar hatte sich Lenz in mehreren Wahlkämpfen für die SPD eingesetzt, aber hauptberuflich wollte er sich ohnehin nicht in der Politik engagieren.

Die erste Literatin, die ernsthaft nach der Präsidentschaft griff, war 1984 die renommierte Luise Rinser, die zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass gegen die Stationierung von Pershing-Raketen in Deutschland protestiert hatte. Die Grünen hatten sie als Kandidatin gegen Richard von Weizsäcker ins Rennen geschickt. Dass sie scheitern würde, stand von vornherein fest.

Die zwei Anläufe der Gesine Schwan

Gesine Schwan (geb. am 22. Mai 1943) ist Mitglied der SPD. Bereits 2004 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin. 2009 trat sie erneut an. Beide Male scheiterte sie aber im 1. Wahlgang gegen Horst Köhler. Foto: dpa
Gesine Schwan (geb. am 22. Mai 1943) ist Mitglied der SPD. Bereits 2004 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin. 2009 trat sie erneut an. Beide Male scheiterte sie aber im 1. Wahlgang gegen Horst Köhler. Foto: dpa
 

Eher symbolischen Charakter hatten auch die Bewerbungen anderer Intellektueller. Das gilt für die Theologin und Autorin Uta Ranke-Heinemann, die 1999 gegen Johannes Rau kandidierte, für den Mediziner und Biologen Jens Reich, den die Grünen 1994 gegen Roman Herzog ins Rennen schickten, und die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan verlor 2004 und 2009 gleich zweimal gegen den aus der Finanzwelt geholten Horst Köhler.

Ihren Schabernack mit der Wahl trieb die Linke, als sie 2009 den Schauspieler Peter Sodann als Kandidaten gegen Bundespräsident Horst Köhler nominierte. Sodann erntete Spott und Köhler nach seinem überraschenden Rücktritt Unverständnis. Dem höchsten Staatsamt schadeten beide.

Hinzu kommen einige nicht zu unterschätzende Veränderungen. Das Amt des Bundespräsidenten ist im Lauf der Jahre politischer geworden. Zwar wird von seinem Inhaber in erster Linie verlangt, bei den unterschiedlichsten Anlässen überzeugende Reden zu halten, aber sie müssen bei aller Deutlichkeit politisch korrekt sein, was immer darunter zu verstehen ist. Joachim Gauck hat das einerseits getan, andererseits aber durchaus eigenwillige Ansichten vertreten. Er hat damit potenziellen Kandidaten aus dem nichtpolitischen Leben Mut gemacht, bei der Suche nach einem Nachfolger „hier“ zu rufen. Dazu wird es aber nur dann kommen, wenn der künftige Präsident kein Wegweiser für eine mögliche neue Koalition nach der nächsten Bundestagswahl sein soll. Gerade darum aber bemühen sich die Parteiführer.

Schwer vermittelbar

 

Leicht wird die Suche nach einer unabhängigen Persönlichkeit allerdings nicht. Schon gar nicht aus dem kulturellen Bereich. Hier gibt es zwar eine ganze Reihe sogenannter „großer Namen“, doch aus den unterschiedlichsten Gründen sind sie nicht vermittelbar. Oft aus Altersgründen (Martin Walser, Jürgen Habermas), oft weil sie nicht kompromissbereit sind, ihnen die Verbindung zum Volk, um nicht zu sagen die Volkstümlichkeit (Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski) fehlt.

Erwiesen hat sich auch, dass es Seiteneinsteiger in der Politik schwerer als in früheren Zeiten haben. Nicht nur bei der Besetzung des höchsten Staatsamtes, sondern selbst in Landeskabinetten. Man muss gar nicht so weit blicken. Als der Kieler Regierungschef Albig mutig eine unabhängige Professorin für das Kulturressort engagierte, wurde von allen Seiten so lange auf ihr herumgehackt, bis sie aufgab.

Als aktuellster Geheimtipp für die Gauck-Nachfolge wird übrigens die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums genannt: die Sozialforscherin Jutta Allmendinger. Man darf gespannt sein.

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erstellt am 15.Jun.2016 | 07:47 Uhr

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