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Astrologie und Horoskope : Wahrsagerei: Die Macht der Sterne

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn es um die Zukunft geht, setzen viele Menschen auf Wahrsagerei. Jeder fünfte Deutsche glaubt an Horoskope. Besonders zum Jahreswechsel sind solche Vorhersagen beliebt. Unfug oder uralte Deutungskunst?

shz.de von
erstellt am 27.Dez.2015 | 11:02 Uhr

Etwas Schreckliches würde passieren. Das war Karin Ploog sofort klar, als sie die Karten auf dem Tisch sah. „Lassen Sie Ihren Sohn nicht nach Italien fahren“, beschwor sie ihre Kundin, „sie werden ihn sonst nicht wiedersehen“. In den nächsten drei Wochen würde der junge Mann verunglücken, irgendwo in den Bergen, das konnte die Astrologin in den Karten sehen. Doch ihre Kundin ignorierte die Warnung. Ein paar Tage bekam Karin Ploog einen Anruf: Der Sohn der Frau war bei einem Autounfall auf dem Brenner ums Leben gekommen – genau wie sie prophezeit hatte.

Karin Ploog arbeitet am liebsten mit einem Lenormand-Deck – ein Kartensatz, mit dem die französische Wahrsagerin Marie-Ann Lenormand schon Napoleon die Karten gelegt hat.
Karin Ploog arbeitet am liebsten mit einem Lenormand-Deck – ein Kartensatz, mit dem die französische Wahrsagerin Marie-Ann Lenormand schon Napoleon die Karten gelegt hat. Foto: Michael Ruff

„Solche Momente bleiben hängen“, sagt Karin Ploog, „das vergisst man nicht so schnell“. Seit 25 Jahren arbeitet sie als „mediale Beraterin“ – sie erstellt Horoskope, numerologische Persönlichkeitsprofile anhand von Geburtsdaten und legt Tarot-Karten, um darin die Zukunft zu sehen. Man könnte auch sagen: Karin Ploog ist eine Wahrsagerin.

So schrecklich wie im Fall der Concorde gehen ihre Sitzungen jedoch selten aus. Meist sind es eher kleine Dinge, mit denen die Menschen zu ihr kommen. Fragen über den Partner, den Beruf, die Familie. Wann finde ich den Mann fürs Leben? Ist es Zeit für eine berufliche Veränderung? Schlagen meine Kinder den richtigen Weg ein? Karin Ploog kennt die Antworten. Oder besser gesagt: Die Karten kennen sie.

Das Vorhersagen der Zukunft anhand von Karten, Planetenkonstellationen oder anderen Medien ist kein neues Phänomen. Die Kelten lasen aus Tierstimmen oder dem Flug der Vögel, die alten Griechen verließen sich auf das Orakel von Delphi und Galileo Galilei soll für gut betuchte Klienten Horoskope zur Deutung ihrer Zukunft erstellt haben. Der wohl bekannteste Wahrsager der Geschichte war Michel de Nostradamme, besser bekannt als Nostradamus. Der französische Apotheker, Arzt und Astrologe soll den großen Brand von London 1666 vorhergesagt haben und auch die Erstürmung der Bastille 1789. Seine Weltuntergangsszenarien, zuletzt für das Jahr 2014, haben sich bisher jedoch nicht bewahrheitet.

Auch Karin Ploog kann schlimme Katastrophen oder wichtige Ereignisse vorhersagen. Die Anschläge vom 11. September, der Tsunami in Indonesien oder zuletzt die Terroranschläge in Paris – all das hat die Astrologin kommen sehen. „Ich erkenne anhand der Karten, dass etwas Schlimmes passiert. Das genaue Datum oder den Ort kann ich aber nicht sehen“, sagt sie.

Skeptikern begegnet die ehemalige Vertriebsleiterin mit Verständnis. „Man muss schon an eine höhere Macht glauben und daran, dass es gewisse Dinge gibt zwischen Himmel und Erde.“ Anders lässt sich kaum erklären, woher ein Stapel Karten weiß, dass jemand an Nierenproblemen leidet oder später in einem Haus am Meer wohnen wird.

Es gibt Ansätze, die dem Kartenlegen einen psycholgischen Hintergrund zuschreiben. Der Anblick der Karten könne eine emotionale Reaktion auslösen, sobald man das Bild auf der Karte mit der eigenen Lebenssituation in Beziehung setzt. Warum Karin Ploog mit ihren Aussagen auch dann erstaunlich richtig liegt, wenn man selbst die Karten gar nicht sehen kann, bleibt bei diesem Ansatz allerdings offen. Auch der Vorwurf, Wahrsager seien einfach gute Menschenkenner und deuteten das Verhalten ihres Gegenübers, ist in den Augen der Astrologin nicht berechtigt. „Die Körpersprache darf dabei keine Rolle spielen“, sagt sie. Natürlich sei ihr bewusst, dass es auch schwarze Schafe in der Szene gebe. Doch die fände man schließlich überall, egal in welcher Branche.

Wer bei Karin Ploog einen Wohnwagen mit düsterer Beleuchtung und Kristallkugel erwartet, wird enttäuscht. Der Raum, den sie sich im Obergeschoss ihres Einfamilienhauses in Seedorf bei Plön eingerichtet hat, ist hell und freundlich, an den Wänden hängen Urlaubsfotos von einer Reise zum Amazonas, in der Mitte steht ein großer Esstisch. Zwar hat die 67-Jährige auch eine Kristallkugel – die sei allerdings nur zu Deko-Zwecken und wurde inzwischen auf den Dachboden verbannt, seitdem sie durch den Brennglas-Effekt fast die Tischdecke in Brand gesetzt hatte.

Nachdem sie lange Zeit nur als Hobby-Astrologin im Freundes- und Bekanntenkreis die Karten gelegt hatte, machte sie sich vor einigen Jahren damit selbstständig. Spezialisiert hat sich die 67-Jährige neben dem Kartenlegen auch auf Numerologie und Astrologie, also auf Zahlensymbolik mithilfe von Geburtsdaten und auf Horoskope anhand von Sternen- und Planetenkonstellationen. Inzwischen berät sie Kunden aus der ganzen Welt. Nicht immer hat die Astrologin dabei auch gute Nachrichten zu überbringen. Krankheiten, Todesfälle oder berufliche Rückschläge hört zwar niemand so gerne wie einen bevorstehenden Lottogewinn, doch auch solche Sachen gehören zum Geschäft. Am Ende ist ihr jedoch wichtig, auch Lösungsansätze und Hoffnung mit auf den Weg zu geben. „Ich versuche immer, meine Kunden mit einem guten Gefühl nach Hause zu schicken.“ Es sei sowieso nicht ihre Aufgabe, jemandem Entscheidungen abzunehmen. Stattdessen wolle sie Anregungen und Impulse geben . „Ich will keinen Lebensplan erstellen“, sagt sie, „entscheiden muss jeder selbst.“

Angebote von Wahrsagern gibt es inzwischen wie Sand am Meer – ob im Fernsehen, im Internet oder auf Jahrmärkten. Nicht alle davon sind seriös. „Ich bin schon manchmal erstaunt, was die im Fernsehen alles aus den Karten lesen können“, sagt Karin Ploog. Vor allem in der Astrologie seien eine fundierte Ausbildung und viel Erfahrung nötig, um die unzähligen Konstellationen richtig deuten zu können. „Das ist ein jahrelanger Prozess. Ich lerne immer noch dazu“, sagt sie.

Zu ihren Kunden gehören Banker, Unternehmer und Vorstandsvorsitzende, die bei wichtigen geschäftlichen Entscheidungen gerne die Sterne befragen. Auch von namhaften Reedereien wurde sie schon angeheuert, um auf Kreuzfahrtschiffen den Gästen die Zukunft vorherzusagen und Workshops über Astrologie und Kartenlegen zu geben. Besonders beliebt bei ihren Kunden sind Horoskope, vor allem zum Jahreswechsel.

Im Gegensatz zum Kartenlegen, dem eher ein abergläubischer Charakter anhaftet, scheint die Überzeugung, dass das Zusammenspiel der Planeten zum Zeitpunkt der Geburt unsere Persönlichkeit formt, weit verbreitet. Laut einer Umfrage des Online-Portals Statista glauben 23 Prozent der Deutschen daran, dass unser Leben von den Sternen beeinflusst wird. Schützen sollen ausgeprägte Freigeister sein, Krebse besonders einfühlsam und Löwen autoritäre Führungsmenschen. Entscheidend ist neben dem Tierkreiszeichen, dem sogenannten Haus, vor allem der Aszendent, also das Sternzeichen, das am östlichen Himmel des Geburtsortes zu einer bestimmten Geburtszeit aufgeht.

Es gibt Studien, die das Gegenteil beweisen sollen. So hat der dänische Psychologe Helmuth Nyborg 2006 mithilfe einer Analyse der Eigenschaften von 15000 Menschen herausgefunden, dass das Geburtsdatum keinen Einfluss auf die Persönlichkeit eines Menschen hat. Dazu befragte der Wissenschaftler der Universität Aarhus in Dänemark zusammen mit seinem Kollegen Peter Hartmann von der Universität in Gießen allerdings ausschließlich amerikanische Jugendliche und Vietnamveteranen – ein Umstand, den selbst die Forscher als problematisch bewerteten. Auch die Bewegung der Planeten wurde bei der Analyse nicht berücksichtigt.

Für das neue Jahr hat Karin Ploog schon eine Prognose – und die scheint erst einmal nicht so rosig. „2016 ist ein Marsjahr, und der Mars ist ein richtiger Streithammel“, sagt sie. Der Planet ist in der Sternenlehre dafür bekannt, Krieg und Angriff zu symbolisieren. In der zweiten Hälfte des Jahres wechsle dann der Mars in den Schützen, „da wird es verstärkt um Glaubensfragen gehen“, weiß Ploog.

Ganz so verstörend, wie die Prognose zunächst scheint, ist sie dann aber doch nicht. „Ab August wechselt Jupiter in die Waage, hier könnte eine Befriedung möglich sein.“

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