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Zum Tod von Roger Cicero : „Wahnsinnig gut und virtuos“ - ein Nachruf von Musikerkollege Joja Wendt

vom

Roger Cicero ist mit 45 Jahren gestorben. Joja Wendt erinnert sich an einen fröhlichen Menschen.

Die Nachricht von Rogers Tod hat mich sehr traurig gemacht. Er war ein außergewöhnlich guter Musiker, mit einer Stimme, wie man sie nur selten hört. Und er war ein freundlicher, fröhlicher und lebensbejahender Mensch. Ich kannte ihn schon ewig, das erste Mal sind wir uns im Studium begegnet, als wir beide Ende der 1980er-Jahre im holländischen Hilversum am Jazz-College studiert haben. Er war ein beliebter Kommilitone und hatte damals schon diese positive Ausstrahlung, die wir von ihm ja auch auf der Bühne kannten.

Damals, vor mehr als 30 Jahren, waren wir Musik-Verrückte. Für uns gab es fast nichts anderes als gemeinsam Musik zu machen. Das war eine wahnsinnig intensive, eine flirrende und flackernde Zeit. Und ich muss zugeben, es hat mich anfangs sehr beeindruckt, dass ich den Sohn von Eugen Cicero kennenlernen durfte. Eugen Cicero war eine absolute Ikone in seinem Genre, der hatte eine ganze Stilistik geprägt mit seinen Jazz-Interpretationen der klassischen Musik. Sein Sohn war genauso ein Virtuose wie sein Vater, nur auf einem anderen Instrument: seiner Stimme. Dieses unglaubliche stimmliche Potenzial wurde damals schon deutlich.

Viele Jahre später haben wir uns auf der Hamburger Musik-Szene wieder getroffen. Roger war Stammsänger in Angie's Night Club, einem Club, in dem immer Live-Musik gemacht wurde. Da hat er gesungen und eines Tages sagte mein Bassist: „Wir sollten Roger mal bei deinen jährlichen Konzerten in der Laeiszhalle präsentieren.“ Das sind Konzerte, zu denen auch junge Talente geladen werden und zu denen die ganze Musikbranche kommt. Also ist Roger 2005 bei uns als völlig unbekannter Künstler aufgetreten. Er stand da, mit Smoking, aber noch ohne Hut und hat den Prince-Titel „How come you don’t call me anymore“ gesungen. Das war so wahnsinnig gut und virtuos, dass es die Zuschauer kaum auf den Sitzen gehalten hat. Er wusste schon, welches Potenzial er hatte, aber nicht so recht, wie er etwas daraus machen sollte.

Nach diesem Abend hat sich mein Management um ihn gekümmert. Die haben im folgenden Jahr eine wahnsinnige Karriere mit ihm aufgebaut. Diese musikalische Nische mit den deutschen Swingtexten war einzigartig. In dieser Zeit ist auch sein erster Hit „Zieh die Schuh aus“ entstanden. Ich glaube, diese Musik hat mit Roger so gut funktioniert, weil ihn niemand ändern wollte, er durfte so sein und singen, wie er wollte, was in der heutigen Musikbranche eher selten ist. Da reden normalerweise so viele Leute rein – Platten- und Marketingfirmen –, dass irgendwann alle Kanten des Künstlers verloren gehen. Das war bei Roger glücklicherweise nicht der Fall.

Anschließend haben wir noch ein paar Mal zusammen auf der Bühne gestanden. Mit ihm Musik zu machen war einfach, weil er ein außergewöhnlicher Musiker war. Seine Stimme war wegen seiner technischen Möglichkeiten einzigartig. Oft sind Sänger eher intuitive Künstler, aber bei Roger kam noch dazu, dass er sich unheimlich gut auskannte in der Musik, weil er sie eben von der Pike auf studiert hatte. Mit ihm ist der deutschen Musikszene eine wahnsinnige stimmliche Kapazität verloren gegangen.

Wir waren keine engen Freunde, aber wir sind immer locker in Kontakt geblieben. Wir waren, wenn man so will, eher als Musiker befreundet. Aber auch der Mensch Roger Cicero wird mir sehr fehlen. Ich habe nicht geahnt, wie es um ihn steht. Jetzt ist er von uns gegangen, und ich bin sehr traurig.

Joja Wendt
Joja Wendt Foto: dpa
 

Der Autor ist Jazz-Pianist und Komponist aus Hamburg und ein musikalischer Wegbegleiter Roger Ciceros.

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erstellt am 29.Mär.2016 | 20:23 Uhr

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