Neu im Kino : Vox Lux: Natalie Portman tobt, trinkt und singt Sia

Natalie Portman und Raffey Cassidy als Mutter und Tochter in 'Vox Lux'. Foto: Atsushi Nishijima/Kinostar
Natalie Portman und Raffey Cassidy als Mutter und Tochter in "Vox Lux". Foto: Atsushi Nishijima/Kinostar

Songs von Sia und Natalie Portman als Extrem-Schauspielerin: Brady Corbets Pop-Porträt „Vox Lux“ ist ein Ereignis.

shz.de von
23. Juli 2019, 00:02 Uhr

Berlin | „Vox Lux“ erzählt vom extremen Leben eines Pop-Idols: Als 13-jährige überlebt Celeste ein Schulmassaker. Bei der Trauerfeier singt sie ein Lied – das überraschend zum Hit wird. Celeste steigt zum Weltstar auf; ihre Karriere bleibt schicksalhaft mit traumatischen Ereignissen verbunden: Ihr erster Video-Dreh fällt mit 9/11 zusammen; später schießen Terroristen auf Urlauber und tragen dabei eins von Celestes Bühnen-Outfits.

Parforce-Schauspiel: Natalie Portman

Der Autor und Regisseur Brady Corbet gliedert diese Geschichte in einzelne Akte. Im umfangreichsten legt Natalie Portman die Parforce-Darstellung eines Borderline-Stars hin: In atemloser Rage verprellt Celeste Schwester und Tochter, sie provoziert die Presse, trinkt, kollabiert, rafft sich auf und wankt am Ende auf die Bühne – um sich als selbsternannte Gottheit feiern zu lassen. Die Idee vom Ruhm als weltlicher Religion wird dabei immer wieder aufgegriffen, vom Namen der Figur – Celeste bedeutet „die Himmlische“ – bis hin zum Motiv des Teufelspakts.

Diese schlichte Zusammenfassung der Geschichte gibt die Dringlichkeit nicht wider, mit der das entfesselte Frauenporträt inszeniert ist. Eine Handlung, die sich über 18 Jahre erstreckt, presst Brady Corbet in intensive Momentaufnahmen: Schul-Amoklauf, Europareise, PR-Event, Konzert. Die Übergänge zwischen den Blöcken sind roh. Die großen Entwicklungslinien sind in ungeduldige, regelrecht schlampige Zeitraffer-Sequenzen gebündelt. Irritationen werden eher gesucht als vermieden: Als Natalie Portman mitten im Film die Jugenddarstellerin Raffey Cassidy ersetzt, bleibt diese weiterhin im Bild – nun in der Rolle von Celestes Tochter. Es ist als ob es dem Film nie um die Illusion eines geschlossenen Ganzen geht, sondern immer nur um den einzelnen Akt. Den Überblick, der Celeste längst abhandengekommen ist, wahrt allein ein Off-Erzähler (Willem Dafoe), der das Durcheinander in literarischen Pointen ausdeutet.

Reflexion über das Wesen des Ruhms

Das letzte der zusammengeklotzten Kapitel ist ein mustergültiger Konzertfilm: Natalie Portman singt dabei Songs, die der reale Pop-Star Sia für „Vox Lux“ geschrieben hat. Einer trägt den Titel „I’m a Private Girl in a Public World“; und mit dem Spannungsfeld von Privatleben und Öffentlichkeit ist ein zentrales Thema des Films angesprochen: Als Celeste nach dem Amoklauf ihre Trauer in ein Lied fasste, sang sie noch von sich selbst. Für die Charts machten die Produzenten aus dem „Ich“ dann ein „Wir“. Seitdem ist Celestes Schicksal mit dem der US-Amerikaner verknüpft. Als Stellvertreterin der Nation gewinnt sie massiven Einfluss – und verliert zugleich die Deutungshoheit über sich selbst. Ermächtigung und Enteignung: Celestes Dasein als Star ist beides zugleich.

„Vox Lux“. USA 2019. R: Brady Corbet. D: Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, Jennifer Ehle, Raffey Cassidy, Willem Dafoe. 110 Minuten. Filmstart: 26. Juli 2019.




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