Kandidaten sind Speicherstadt und Haithabu : Vor Unesco-Entscheidung: Was Sie über das Welterbe wissen müssen

125 Jahre alt ist der Hamburger Stadtteil Speicherstadt. Doch die Zeit ist dort nicht stehen geblieben.
Die Speicherstadt: Nach dem Wattenmeer als Weltnaturerbe hofft die Stadt Hamburg auf ihr erstes Weltkulturerbe.

Deutschland hofft auf ein neues Welterbe. Wie stehen Hamburgs Chancen? Und welche Stätten gibt es in SH?

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02. Juli 2015, 19:26 Uhr

Es wird spannend: Insgesamt bewerben sich 38 Stätten aus aller Welt um einen Platz auf der Unesco-Liste. Das Welterbekomitee trifft sich derzeit in Bonn zu seiner alljährlichen Konferenz. Die Entscheidung, ob die Hamburger Speicherstadt in die Liste aufgenommen wird, fällt vermutlich am Sonntag.

Fragen und Antworten rund ums Thema Welterbe:

Worum geht es beim Welterbe?

Verliehen wird der Titel Welterbe von der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Dabei kann es sich um ein Weltkulturerbe oder ein Weltnaturerbe handeln. Die Unesco verabschiedete 1972 die Welterbekonvention, ein „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“. Inzwischen haben 191 Staaten das Übereinkommen unterzeichnet. Es hat eine international sehr hohe Bedeutung.

Die Geschichte der Welterbekonvention begann in Ägypten. Als dort in den 1960er Jahren der Assuan-Staudamm gebaut wurde, drohten die tausende Jahre alten Tempel von Abu Simbel im Wasser zu versinken. Die Unesco rief zu einer Hilfsaktion auf, an der sich 50 Staaten beteiligten. Ein paar Jahre später folgte dann die Verabschiedung der Konvention.

Was sind die Kriterien für die Aufnahme in die Welterbe-Liste?

Ein starkes Kriterium ist die Einzigartigkeit der Stätte. Ein Naturerbe soll „von außergewöhnlicher Schönheit“ sein, Kulturerbestätten gelten oft als „Meisterwerke der menschlichen Schöpferkraft“. Außerdem sind für eine erfolgreiche Bewerbung die historische Echtheit und die Unversehrtheit relevant. Entscheidend ist natürlich auch das Votum des Unesco-Welterbekomitees. Es entscheidet Jahr für Jahr, welche Stätten neu auf die Welterbe-Liste kommen.

Wie viele Welterbestätten gibt es bisher?

Weltweit gibt es mittlerweile 1007 Natur- und Kulturstätten. Unter anderem gehören das Great Barrier Reef in Australien,  die Akropolis in Athen, Stonehenge in England sowie die Inka-Bergfestung Machu Picchu in Peru dazu.

Wie viele Stätten hat Deutschland auf der Liste?

Deutschland ist auf der Liste mit 40 Stätten vertreten. Dazu gehören Orte wie Weimar, die Altstädte von Stralsund und Wismar, Bauten wie der Kölner Dom oder die Wartburg. Dem Dresdner Elbtal wurde der Titel 2009 wegen des Baus einer Brücke aberkannt. Zuletzt wurden 2014 das Karolingische Westwerk und die Civitas Corvey in Höxter (NRW) auf die Liste gesetzt.

Wie viele Welterbestätten befinden sich in SH und Jütland?

Seit 1987 steht Lübeck auf der Liste. Mit dem historischen Stadtkern der Hansestadt wurde erstmals in Nordeuropa eine ganze Altstadt von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt. Die Altstadt gilt als herausragendes Beispiel der Backsteingotik.

Das Holstentor in Lübeck.
imago/Westend61
Das Holstentor in Lübeck.

2009 erkannte die Unesco außerdem das Wattenmeer Weltnaturerbestätte an. Es erstreckt sich von den Niederlanden bis nach Dänemark. In Deutschland gehört es neben Schleswig-Holstein zu Niedersachsen und Hamburg. Es ist weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand erhalten und ist das vogelreichste Gebiet Europas. Und es gilt als Deutschlands bedeutendster Naturraum.

Welche Rolle spielen die Finanzen?

Da jedes Jahr neue Stätten zur Liste zugefügt werden, verschärft sich die sowieso schon prekäre Finanzlage der UN-Kulturorganisation: Seit die Unesco Palästina 2011 als Vollmitglied aufgenommen hat, hat der größte Beitragszahler USA den Geldhahn zugedreht. Das bedeutet mal eben 22 Prozent weniger. So kommt es, dass für die Welterbe-Programme noch nicht einmal fünf Millionen Euro im Jahr zur Verfügung stehen.

Davon fließen mittlerweile 80 Prozent in die Bewertung und Überprüfung der Stätten. „Das ist in der Tat ein kritischer Punkt“, sagt die Vorsitzende des Welterbekomitees, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Bei den Finanzen knirscht's.“

Gibt es Kritik an der Liste?

Ja. Stephan Dömpke, Vorsitzender des Berliner Vereins World Heritage Watch, hält die immer länger werdende Liste für höchst problematisch. „Denn mit der zunehmenden Zahl geht unweigerlich eine schleichende Entwertung einher.“ Man müsse sich darüber einigen, wie man zu einem Ende der Liste kommen könne.

Staatsministerin Maria Böhmer ist keinesfalls dafür, die Liste zu schließen: „Qualitätsvolle Welterbestätten sind immer willkommen.“

Ein Aufnahmestopp erscheint sowieso illusorisch - denn mit dem Welterbetitel sind handfeste wirtschaftliche Interessen verknüpft.

Viele Kulturreise-Veranstalter steuern inzwischen nur noch Regionen an, die auch Welterbestätten vorweisen können. In dieser Hinsicht ist das Welterbekonzept ein Opfer seines eigenen Erfolgs: Immer mehr Länder wollen sich mit noch mehr Einträgen profilieren.

Was ist mit Haithabu und das Danewerk?

Es ging auf schleswig-holsteinischer Seite um die Wikingersiedlung Haithabu und die Verteidigungswallen Danewerk: Die Bewerbung lief unter isländischer Federführung. Deutschland, Island, Dänemark und Lettland wollten bedeutende Stätten der Wikingerkultur in Nordeuropa in einer transnationalen Welterbestätte zusammenzufassen. Dazu gehören das frühere Handelszentrum der Wikinger Haithabu und die Verteidigungswälle des Danewerk.

Rekonstruierte Wikingerhäuser in Haithabu.
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Rekonstruierte Wikingerhäuser in Haithabu.

Die Sammelbewerbung zur Wikingerkultur mit deutscher Beteiligung hat es im ersten Anlauf im Juli nicht auf die Unesco-Welterbeliste geschafft. Das Welterbekomitee der UN-Kulturorganisation forderte wie zuvor erwartet umfassende Nachbesserungen.

Wie stehen die Chancen für die deutschen Kandidaten?

Die besten Chancen hat Hamburg mit seiner Speicherstadt und dem Kontorhausviertel. Der Internationale Denkmalrat hat sie zur Einschreibung empfohlen.

Dagegen werden die Aussichten der Saale-Unstrut-Region als schlecht eingeschätzt. „Nicht zur Einschreibung empfohlen“, lehnt der Internationale Denkmalrat (Icomos) die Aufnahme der hochmittelalterlich geprägten Kulturlandschaft mit dem viertürmigen Naumburger Dom ab.

Auch die nordeuropäische Bewerbung sollte nachgebessert werden. Fazit: Unter den deutschen Bewerbungen kann sich Hamburg am meisten Hoffnung machen.

Was macht die Hamburger Speicherstadt aus?

Die Hamburger Speicherstadt gilt als das größte zusammenhängende und einheitlich geprägte Speicherensemble der Welt. Das Kontorhausviertel mit seinen Klinkerfassaden entstand in den 1920er und 1930er Jahren. Das Speicherensemble wurde von 1885 bis 1927 unter der Leitung von Franz Andreas Meyer in drei Bauabschnitten als größtes und modernstes Logistikzentrum seiner Zeit errichtet. Mehr als 18.000 Menschen verließen notgedrungen ihre Häuser, damit 1885 mit der Errichtung der Speicher begonnen werden konnte. Jeder Block hatte jeweils eine Wasser- und eine Landseite, womit Waren sowohl per Schuten über die Fleete als auch über die Straße transportiert werden konnten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Speicherstadt zwar stark beschädigt, aber in der Nachkriegszeit von Werner Kallmorgen weitgehend nach historischem Vorbild wieder aufgebaut und mit 1950er-Jahre-Bauten von hoher Qualität ergänzt. Durch den behutsamen Wiederaufbau konnte das einheitliche Bild, das die Speicherstadt bis heute prägt, wieder hergestellt werden.

In den 1980er Jahren, als die einstigen Waren der Speicherstadt größtenteils an modernen Container-Terminals umgeschlagen wurden, hielten die Teppichhändler Einzug in das Quartier. Noch heute gilt die Speicherstadt als weltweit größter Lager- und Handelsplatz für Orientteppiche, obwohl die Zahl der Händler dramatisch gesunken ist.

(mit dpa)

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