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Fantastische Groteske : Von Kalifornien nach Tibet: «Der letzte Buddha»

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Was passiert, wenn ein kalifornischer Surfer zum Heiligen Tibets auserwählt wird? Nicht nur die chinesische Autorität wird damit in Frage gestellt. Marcus Brauns neuer Roman ist eine herrliche Groteske, die einen wahren Kern enthält.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 10:13 Uhr

Die Geschichte erscheint wie ein Krimi, hat sich aber tatsächlich so abgespielt. 1995 ernannte der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den sechsjährigen Gendün Chökyi Nyima zum zehnten Panchen Lama.

Damit avancierte der Junge zum zweithöchsten Würdenträger Tibets, zum kleinen Heiligen.

Doch die Chinesen wollten die Entscheidung des ihnen verhassten, im Exil lebenden Religionsführers nicht akzeptieren. Sie ließen das Kind zusammen mit seinen Eltern klammheimlich verschwinden und ernannten stattdessen einen neuen Panchen Lama.

Der kleine Gyaltsen Norbu stammte aus einer kommunistischen Familie und schien so prädestiniert, zum willigen Handlanger Pekings zu werden. Von dem verschwundenen Jungen dagegen hörte man nichts mehr. Bis heute ist nicht sicher, ob er überhaupt noch lebt. Das ist ein faszinierender Stoff für einen Roman und man kann sich eigentlich nur wundern, dass nicht schon längst jemand die Idee dazu hatte. Nun hat Marcus Braun aus dieser historischen Geschichte eine fantastische Groteske gezaubert.

«Der letzte Buddha» ist ein Vexierspiel, eine verrückte Scharade bei der niemand mehr weiß, was wahr ist oder unwahr, was echt oder falsch. Absurd ist schon die Idee, den verschwundenen Panchen Lama ausgerechnet in der Figur eines Surfer-Boys am Strand von Kalifornien wiederauferstehen zu lassen. Außer seinem Sport hat der junge, gutaussehende Jonathan nicht viel im Kopf. Schlimmer noch: Er hat ausgiebige Drogenexzesse und eine «Rallye durch die Therapiepraxen des Staates Kalifornien» hinter sich. Seine Herkunft liegt im Dunkeln.

Als ihm ein Journalist die frohe Botschaft eröffnet, dass er der verschwundene Panchen Lama ist, hält der junge Mann das zunächst für «psycho». Doch dann wittert er seine Chance. Er lässt sich in einem buddhistischen Zentrum coachen, nimmt sich einen Public-Relations-Berater und einen Human-Ressource-Manager. Es kommt sogar zu einer Begegnung mit dem Dalai Lama. Doch dieser ist von Jonathan alles andere als überzeugt und fängt an, seine eigene frühere Entscheidung in Frage zu stellen. Am liebsten würde der Dalai Lama noch einmal sein Staatsorakel befragen, doch das ist leider zurzeit total außer Form.

Aber auch der konkurrierende Panchen Lama Gyaltsen ist eine bizarre Figur. Die Chinesen wollten den Jungen zur Marionette abrichten, zu einem faden und gehorsamen Wesen. Doch nun beginnt der junge Mann zum Unwillen seines Mentors, eigenständige Gedanken zu entwickeln. Gyaltsen will ein Staatsorakel berufen (ganz schlechte Idee!), in die Kommunistische Partei eintreten und sieht sich schon als künftiger Nachfolger des Dalai Lama, was so von Peking nie gedacht war. Sein geistliches Fundament ist auch mehr als wackelig, so glaubt er nicht einmal an die Wiedergeburt. Als Gyaltsen erfährt, dass der verschwundene Panchen Lama in Kalifornien aufgetaucht ist und nun seinerseits Ansprüche erhebt, lädt er ihn zu einem Treffen nach Hongkong ein.

Eine persönliche Begegnung soll Gewissheit bringen, wer von beiden der wahre Erleuchtete ist. Damit ist das Drama eröffnet. Es gibt in diesem Roman keine Helden und Gewissheiten. Was ist echt, was ist Täuschung? Die Chinesen und ihre religiösen Handlanger scheinen durch ihre perfiden Machtspiele von vorne herein disqualifiziert. Doch auch die Partei des Dalai Lama steht in einem merkwürdigen Zwielicht. Der Auswahlprozess, die Inspirationen und Eingebungen der Mönche, die zur Benennung des kindlichen Panchen Lama führten, scheinen willkürlich und gefährlich nahe am Aberglauben. Und was soll man schließlich von der Autorität eines Staatsorakels halten, das komplett aus der Spur ist?

Souverän, in eleganter Sprache und ausgesprochen spannungsreich inszeniert Braun den Roman bis hin zum dramatisch zugespitzten Ende, eine Groteske um falsche Gewissheiten und unechte oder halbseidene Erleuchtete, bei der am Ende doch alle irgendwie betrogen sind. Doch auch die wahre Geschichte hat eine überraschende Wendung genommen. So hat der angeblich so willfährige Panchen Lama Gyaltsen vor einiger Zeit ganz offen die chinesische Religionspolitik in Tibet kritisiert. Ein unerhörter Vorgang, der bis heute von den chinesischen Medien verschwiegen wird.

- Marcus Braun: Der letzte Buddha, Hanser, München, 208 Seiten, 20,00 Euro ISBN 978-3-446-25678-1.

Der letzte Buddha

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