Eine Napoleon-Biografie : Vom Nasenpopel zum Kaiser

«Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron» von Günter Müchler. Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss-Verlag
«Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron» von Günter Müchler. Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss-Verlag

Er sah sich auf einer Ebene mit Alexander oder Karl, den beiden Großen. Die kamen aus Herrscherhäusern, der vor 250 Jahren geborene Napoleon aus dem korsischen Kleinadel. Doch ganz Europa rieb sich die Augen über seinen Aufstieg.

shz.de von
13. August 2019, 12:58 Uhr

Der Junge, ein Korse in Frankreich, ist klein und zurückhaltend, ja manche sagen, es mangle ihm an Geselligkeit. Er hat keine Spielkameraden. Seine Größe und «sein unzulängliches, korsisch eingefärbtes Französisch macht ihn zur Zielscheibe des Spotts».

Seine Mitschüler geben ihm den Spitznamen «Nasenpopel». Seine schulische Leistungen sind in Ordnung, aber nicht brillant. «Latein interessiert ihn nicht, Deutsch, das von einem Monsieur Bauer unterrichtet wird, noch weniger.» Geschichte und Mathematik sagen ihm schon eher zu.

Kein früher Hinweis auf das spätere politische und militärische Genie Napoleon Bonaparte. Doch, vielleicht folgendes, zumindest wird es so in einem Film über den späteren französischen Kaiser erzählt. «Bei einer als militärische Übung angelegten Schneeballschlacht überwältigt er als Kommandant einer der beiden «Armeen» den Feind durch geschickte Manöver so eindrucksvoll, dass sogar die Dorfbewohner applaudieren», heißt es in der Napoleon-Biografie, die der Journalist Günter Müchler zum 250. Geburtstag Napoleons (15. August 1769) vorgelegt hat.

Der gelernte Historiker Müchler beschreibt auf gut 600 Seiten Herkunft, Aufstieg in Zeiten von Revolution und Nachrevolution, die ihm quasi Starthilfe boten durch das Einreißen der Standesschranken, sowie Niedergang nach dem Russlandfeldzug und schmachvolles Ende auf der Insel Sankt Helena. «Napoleon ist ein Verlierer, und Verlierer straft normalerweise das Vergessen. Es sei denn, sie haben uns etwas zu sagen», schreibt Müchler.

Ganze 15 Jahre genügen dem Korsen, um die Welt in Erstaunen zu versetzen - und zu verändern. Die Spuren seiner Feldzüge sind in den besetzten Ländern heute noch zu sehen, so seine vom revolutionären Gedankengut Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit inspirierten Rechtskodizes, die er auch den Besetzten aufzwang. Bayern rühmt sich heute noch seiner liberalen Verfassung, die nach Darstellung von Fachleuten wichtige Anregungen von Napoleon hat. Und die Rheinländer waren nicht sehr begeistert, als anstelle der Franzosen Anfang des 19. Jahrhunderts die Preußen bei ihnen einzogen.

«Sein Charisma überwältigt; magische Kräfte werden ihm zugeschrieben», erzählt Müchler. Denn die Welt versteht nicht so richtig, was in diesen Jahren an außergewöhnlichen Ereignissen über sie gekommen sind. Größen wie Johann Wolfgang von Goethe biederten sich bei ihm an. Alexander von Humboldt wollte nach der Rückkehr von seiner Südamerika-Expedition (1799-1804) zunächst lieber vom liberalen Paris aus seine Forschungsergebnisse verbreiten als von Berlin. Viele deutsche Intellektuelle begrüßten die Revolution und den Revolutionär. Auch wenn sie sich später wieder mit Schrecken von Napoleon ab- und dem deutschen Nationalismus zuwandten.

Müchler hilft, das Phänomen Napoleon zu verstehen. Detailreich, aber keineswegs langatmig beschreibt er das Leben, gibt Erklärungen für bestimmte Motivationen und ordnet die Entwicklungen in den europäischen Gesamtzusammenhang ein. Auch wenn die wichtigsten Lebensstationen Napoleons hinlänglich bekannt sein dürften, es sind gerade diese Detailschilderungen und Einordnungen, die die Kenntnis über Napoleon bereichern und zugleich das Buch über die mehr als 600 Seiten spannend halten.

- Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss-Verlag, Darmstadt, 623 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-8062-3905-8.

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