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Kultur

23. Oktober 2017 | 01:33 Uhr

Vom Ballsaal zum Klub

vom

Die "Music Hall" im Künstlerdorf Worpswede ist zum angesagten Szenelokal geworden

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Worpswede | Die "Music Hall" liegt im Herzen der norddeutschen Künstlerkolonie. Hinter Reetdach und Ranken verbirgt sich ein hölzerner Festsaal aus dem späten 19. Jahrhundert. Seit 1994 dient die ehemalige Dorfschänke "Stadt Bremen" als Konzerthaus. Wo früher Boxkämpfe, Erntebälle oder Parteiaufmärsche liefen, erklingen heute Jazz, Rock, Blues, Pop und Weltmusik. Die gut 100 Konzerte im Jahr stemmt ein kleiner Verein. Hinzu kommen Ü-30 Partys, Theaterabende und Sonderveranstaltungen.

Vorsitzende der ehrenamtlichen Klubbetreiber ist Doris Fischer. "Jeder der hier arbeitet muss ein ganz klein wenig verrückt im Kopf sein", sagt die pensionierte Lehrerin mit einem Lächeln. "Wir sind alle musikbegeistert. Jeder Einzelne ist wie ein Puzzleteil. Jeder macht das, was er gut kann." Finanziell unterstützt wird das achtköpfige Kernteam von einem Freundeskreis.

Bei unbestuhlten Konzerten passen rund 500 Gäste in den Saal, bei bestuhlten 300. Das Gros des Publikums ist zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der Einzugsbereich reicht von Oldenburg, Hamburg und Hannover bis nach Cuxhaven. Mitunter kommen Besucher sogar aus den Niederlanden oder Dänemark. Auf der Bühne sind die Musiker buchstäblich zum Greifen nahe. "Bei den Agenturen sind wir schon eine Größe. Manche buchen ihre Tour rund um die Music Hall", verrät Doris Fischer. Interpreten wie Wolfgang Niedecken, Axel Prahl oder Klaus Doldinger sind dem Charme des alten Saals längst erlegen.

Dabei bietet die Stätte verglichen mit modernen Konzerthäusern wenig Komfort. Das Manko macht der Verein mit Gastfreundlichkeit wett. Backstage sorgen Blumen, Kerzen und individuell angerichtetes Essen für zufriedene Gesichter. "Für uns ist das das Wohnzimmer, dann muss man das für die Künstler auch mal ein bisschen schön machen. Wir zeigen denen die Galerien oder machen auch schon mal eine Kutschfahrt."

Auch viele Gäste verknüpfen das Konzert mit einem Kunstbummel oder einem Kurzurlaub. Die Magnetwirkung der Music Hall freut Hoteliers und Gastronomen, ist für Anlieger aber eine Last. Sie ertragen Nachtschwärmer und Falschparker. "Die Music Hall hat eine sehr große Akzeptanz unter den Menschen. Sonst würde das nicht funktionieren", ist Fischer dennoch überzeugt. "Die Qualität der Music Hall ist das abwechslungsreiche Programm: für jeden Geldbeutel und für jeden Geschmack", glaubt der Vorstand.

Früher dominierten Bands, die in den 60er und 70er Jahren ihre Blütezeit hatten. Darunter Manfred Mann, Uriah Heep oder Ten Years After. "Wir müssen sehr gut aufpassen, dass wir nicht so ein Oldieschuppen sind", räumt Doris Fischer ein. Deshalb erklingen heute zudem viele Facetten des zeitgenössischen Jazz und der Weltmusik. "Wir wollen uns auch mehr dem aktuellen Pop zuwenden. Die jungen Leute haben uns noch nicht als Klub entdeckt. Risikobereitschaft muss man schon haben."

Die Worpsweder bauen auf eine Mischung aus Ehrenamt und bezahlten Arbeitskräften. Saal-, Büro- und Kassendienst sind auf mehrere Schultern verteilt. Um die Technik kümmert sich eine Profi-Crew.

"Erstmals haben wir auch einen Lehrling, der zum Licht- und Tontechniker ausgebildet wird." Der Lohn für die Ehrenamtlichen: "Pure Lebensfreude. Und du kriegst sehr viel soziale Anerkennung."

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