Sternennacht und Sonnenblumen : Vincent van Gogh: Der Mythos des Malers

Das Bild „die Sternennacht“ malte Vincent van Gogh 1889 in Saint-Remy.
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Das Bild „die Sternennacht“ malte Vincent van Gogh 1889 in Saint-Remy.

Er gilt als unerkanntes Genie: Vincent van Gogh. Der wahnsinnige Meister - es gibt viele Mythen um den niederländischen Maler. Vor 125 Jahren starb er.

shz.de von
23. Juli 2015, 10:16 Uhr

Amsterdam | Vincent ist ein Weltstar: Sein Porträt prangt auf T-Shirts und Kaffeebechern. Poster mit den „Sonnenblumen“ oder „Mandelblüten“ hängen in zahllosen Wohnzimmern. Über ihn wurden Kinofilme gedreht, Romane geschrieben, eine Oper komponiert. Man findet ihn auf den Pariser Laufstegen der Haute Couture, und natürlich hat er mehrere Apps fürs Smartphone. 125 Jahre nach seinem Tod (29. Juli) sind Millionen Menschen im Bann des Malers Vincent van Gogh (1853-1890).

„Dabei kannte ihn kaum einer, als er starb“, sagt Axel Rüger in Amsterdam. Der Direktor des Van Gogh Museums wundert sich nicht über den Kultstatus des Malers. Er sieht es täglich mit eigenen Augen: Lange Warteschlangen vor dem Eingang, darunter auffällig viele junge Leute. „Just beautiful“, sagt etwa die 23-jährige Studentin Claire aus den USA. Und Thorsten (19) aus dem Ruhrgebiet hat nach seinem Besuch nur ein Wort: „Wahnsinn“. 2014 kamen rund 1,4 Millionen Besucher.

Der niederländische Maler gilt als ein Wegbereiter der modernen Kunst. Doch das allein erklärt nicht das Geheimnis der großen Faszination. Der deutsche Museumsdirektor zögert nicht lange. Er vergleicht Vincent mit Mozart, Amy Winehouse oder James Dean - Genies, die früh starben. Das verbindet den Maler mit dem Komponisten, der Rocksängerin und dem Filmstar. „Person und Werk sind bei van Gogh unauflöslich miteinander verbunden“, sagt Rüger.

Vor allem durch den umfangreichen Briefwechsel mit Vincents Bruder Theo, dem Kunsthändler in Paris, ist viel über ihn bekannt.

Eines der berühmtsten van Gogh Gemälde: Die Sonnenblumen.
Foto: dpa
Eines der berühmtsten van Gogh Gemälde: Die Sonnenblumen.
 

Der Pfarrerssohn aus der südniederländischen Provinz Brabant haderte mit seinem Leben. Er zog rastlos durch die Niederlande, England, Belgien, Frankreich - auf der Suche nach seiner Bestimmung. Vincent arbeitete im Kunsthandel, war Lehrer, Buchverkäufer, Prediger. Erst im Alter von 27 Jahren entschied er sich, Maler zu werden. Nur zehn Jahre später endete sein Leben in Auvers-sur-Oise bei Paris. Er hinterließ rund 850 Gemälde und fast 1300 Zeichnungen. Sie erzielen heute Rekordsummen.

Diese Biografie ist ein fruchtbarer Boden für Mythen: Van Gogh - das verkannte Genie. Der arme, einsame Künstler. Der Verrückte. Vieles stimmt so nicht, sagt Rüger. „Van Gogh ist nicht einfach als Genie vom Himmel gefallen.“ Er hatte sich selbst lange intensiv mit Kunst befasst und gelernt.

Und der Wahnsinn? Schon zu seinen Lebzeiten nannten ihn die Bauern in Nuenen, wo sein Vater Pfarrer war, „den Verrückten“. Das kann man sich denken: Ein junger Mann mit roten Haaren und durchdringendem Blick marschiert mit der Staffelei bei Wind und Regen durch die Landschaft - in einem traditionellen Dorf ist das zumindest ungewöhnlich.

Aber irre war er nicht. Van Gogh arbeitete diszipliniert und reflektierte viel. Doch er litt zunehmend unter depressiven Anfällen und Wahnvorstellungen.

Die bittere Armut ist sicher eine romantische Legende. Vincent litt keine Not. Sein Bruder Theo unterstützte ihn großzügig. Zu Lebzeiten verkaufte er zwar kaum ein Bild. Dennoch war er auch nicht das verkannte Genie, wie Viele meinen. Schon vor seinem Tod war die Kunstkritik auf den jungen Niederländer aufmerksam geworden, dessen Stil in so gar keine Schublade passte.

Der französische Kritiker Albert Aurier sah in dem Maler des „Sämanns“ im Januar 1890 sogar eine Art Messias, „den Erlöser, den Sämann der Wahrheit, der den schlechten Zustand unserer Kunst verbessern wird.“ Tatsächlich kam relativ schnell nach seinem Tod die Anerkennung für das Werk. Die kräftigen Farben, die Symbolik inspirierten viele zeitgenössische Maler und begeisterten Betrachter - bis heute.

„Van Gogh berührt viele Menschen ganz persönlich“, sagt Museumsdirektor Rüger. Man meint die Wärme der Sonne in der Provence zu spüren, die Lilien zu riechen und die Krähen über dem Kornfeld zu hören. Unwillkürlich will man das Bild berühren, über die dick mit fast wütenden Pinselstrichen aufgetragene Farbe streichen.

Die sinnliche Kunst und dazu das dramatische kurze Leben ziehen Menschen in ihren Bann. Für den Kenner Rüger ist „das uneingelöste Versprechen“ das Geheimnis der Faszination. Vincent van Gogh bleibt immer verbunden mit der Frage: Was wäre geschehen, wenn er sich nicht am 27. Juli 1890 in die Brust geschossen hätte? Zwei Tage später erlag er in Auvers-sur-Oise seinen Verletzungen.

Die Sache mit dem Ohr ist die dramatischste Legende über das Leben des Malers Vincent van Gogh. Im Wahn soll er sich selbst sein linkes Ohr abgeschnitten haben. Doch was war wirklich geschehen? Im Dezember 1888 wohnte van Gogh neun Wochen lang mit seinem Malerkollegen Paul Gauguin im „Gelben Haus“ im südfranzösischen Arles. Es war eine explosive Mischung, beschreibt das Van Gogh Museum. Der Franzose und der Niederländer hatten stark gegensätzliche Charaktere und stritten heftig über die Kunst, geht aus den Briefen von van Gogh hervor. Die Spannung eskalierte, als Gauguin am Abend des 23. Dezember mit seiner Abreise drohte. Darauf geriet van Gogh nach Darstellung des Museums so außer sich, dass er den Freund mit einem Rasiermesser bedroht habe. Später, am selben Abend, muss er sich dann den Polizeiakten zufolge ein Stück seines linken Ohres abgeschnitten haben. Das Stückchen wickelte er in eine Zeitung und brachte es noch in der Nacht zu einer Prostituierten in einem nahe gelegenen Bordell, schilderte damals eine lokale Zeitung. Am nächsten Morgen wurde er ins Krankenhaus von Arles gebracht. Sein Bruder Theo reiste so schnell wie möglich zu ihm und schrieb an seine Frau, dass Vincent sich „in einem Anfall von Wahnsinn“ selbst verwundet habe. Er mache sich ernsthafte Sorgen, dass sein Bruder geisteskrank sei. Als Theo zurück nach Paris reiste, begleitete ihn Gauguin. Vincent selbst gab später an, dass er sich kaum an den Ohr-Vorfall erinnern konnte. Auf mindestens zwei Gemälden malte er sich mit verbundenem linken Ohr.
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