Coming-of-Age-Geschichte : Viel Schatten in Milena Mosers «Land der Söhne»

Mit Milena Moser in die Vergangenheit: «Land der Söhne» von Milena Moser. Nagel & Kimche
Mit Milena Moser in die Vergangenheit: «Land der Söhne» von Milena Moser. Nagel & Kimche

Die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser erzählt in ihrem neuen Roman vom schmerzhaften Aufwachsen zweier Jungen in New Mexico, der eine Anfang der 40er, der andere Anfang der 70er Jahre. Beiden fehlt die Mutter. Doch das ist nicht die einzige Parallele in ihren Leben.

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28. August 2018, 14:59 Uhr

Berlin (dpa) – Nach ihren autobiografischen Büchern «Das Glück sieht immer anders aus» (2015) und «Hinter diesen blauen Bergen» (2017) meldet sich Milena Moser jetzt mit einem komplexen Roman zurück. Er heißt «Land der Söhne» und erzählt die Geschichte dreier Generationen einer Familie.Im Mittelpunkt stehen zwei Jungen, die sich früh von ihrer Kindheit verabschieden müssen: Luigi ist kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nur mit seiner Mutter aus dem Tessin in die USA ausgewandert. Sie schiebt ihn aber wegen eines neuen Partners in den Wilden Westen ab. Der Elfjährige, nun Lou genannt, soll dort in einem abgelegenen Internat mit fragwürdigen Methoden zu einem harten Kerl erzogen werden. Denselben Ort, inzwischen eine Geisterstadt, lernt auch Giovanni kennen, als er Anfang der 70er Jahre von seiner aus ihrer Ehe ausgebrochenen Mutter in eine heruntergekommene Hippie-Kommune mitgeschleppt wird. Während sie sich den Drogen und der freien Liebe hingibt, ist Giò ganz auf sich allein gestellt.Ist es ein Naturgesetz, dass Frauen ihren Nachwuchs vom ersten Atemzug an lieben und beschützen? Das fragt sich nicht nur die Autorin, sondern auch Sofia, die Dritte in Mosers Protagonisten-Trio. Sofia ist Lous Enkelin, gleichzeitig Giòs verwöhnte Tochter – und die von Santiago. Das zwölfjährige Mädchen hat damit zwei Papas als Eltern. Von der Leihmutter, die sie zur Welt gebracht hat, fühlt sie sich manchmal «verkauft».Die Sehnsucht nach Orientierung, Halt in einer Gemeinschaft und vor allem einer verlässlichen Bezugsperson an der Schwelle ins Erwachsenenleben ist ein weiteres großes Thema dieses Romans. Was sind junge Menschen bereit, dafür zu ertragen? Der Preis, den Lou und Gió zahlen, ist auf jeden Fall hoch. Sie schweigen lange schamhaft darüber, als Minderjährige Opfer pädophilen Missbrauchs durch Erwachsene geworden zu sein. Auf das wahre Ausmaß ihrer seelischen Verstörung und die Bedeutung dieser Erfahrung für ihre weitere Entwicklung geht Moser aber leider nicht tiefgehend genug ein. Sie lässt die Leser etwas ratlos zurück.Es kommt nicht von ungefähr, dass Moser ihre Story hauptsächlich vor der Kulisse von New Mexico spielen lässt, dem «Land der Söhne». Die gebürtige Schweizerin ist 2015 dorthin ausgewandert, von ihrer neuen Umgebung lässt sie sich offenbar zum Schreiben inspirieren. So baut sie in diese Coming-of-Age-Geschichte beispielsweise die karge Lebenswirklichkeit der Pueblo-Indianer ein, zitiert deren lang tradierte Tierfabeln, auch wenn diese - zumindest von Europa aus betrachtet - teils unverständlich erscheinen.Verwirrend sind gleichfalls die vielen Nebenfiguren, zumal diese auch noch ähnlich klingende Namen in den sich kapitelweise abwechselnden Erzählsträngen tragen, etwa Dan und Doug oder Pepe und Pedro. Schade ist darüber hinaus, dass die Auswanderin sich manchmal seitenlang in belanglosen Details wie kulinarische Spezialitäten in ihrer neuen Heimat auslässt, die die Handlung nicht weiterbringen. Überhaupt: Es fehlt an einem straff vorwärtstreibenden Spannungsbogen, der über mehr als 400 Seiten hält und die Leser bis zum Ende mitzieht. Weniger wäre sicher mehr gewesen.

- Milena Moser: Land der Söhne, Verlag Nagel & Kimche, 415 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3312010936.

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