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Hoffen auf bessere Zeiten : Victor Klemperers Briefwechsel

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Victor Klemperer trug den «Judenstern» in Dresden und überlebte wie durch ein Wunder. Jetzt ist sein umfangreicher Briefwechsel erschienen, der bis zu seinem Tod 1960 reicht und auch seine desillusionierenden Erfahrungen in der DDR schildert.

Die heute so scheinbar wieder aktuelle Frage «Was ist deutsch?» hat sich für den Germanisten und Romanisten Victor Klemperer aus Dresden persönlich nie gestellt. «Ich gehöre ganz und gar nach Deutschland», er sei «absolut deutsch», betonte er 1934 in einem Brief.

Das sahen die Nazis wie bei den anderen späteren Trägern des gelben «Judensterns» anders und warfen den renommierten Hochschulprofessor aus dem Amt und schließlich aus dem «ganz normalen Leben».

Darüber und über all die anderen unfassbaren alltäglichen Erniedrigungen und Verfolgungen von 1933 bis 1945 führte Klemperer heimlich Tagebücher, deren späte Nachkriegsveröffentlichung 1995 für Furore sorgte und den Dresdner Literaturexperten, der die Nazizeit wie ein Wunder und nicht zuletzt auch mit Hilfe seiner Frau Eva überlebte, weltberühmt machte. Jetzt ist auch sein umfangreicher Briefwechsel aus jenen Jahren, aber auch aus der Zeit davor und aus den ostdeutschen Nachkriegsjahren erschienen.

Klemperer hatte schon 1947 mit «LTI - Lingua Tertii Imperii» über die Sprache des Dritten Reiches ein Standardwerk über die Verbindung von Sprachverrohung und moralischen Verfall einer Gesellschaft geschrieben, ein Thema, das längst wieder aktuell zu werden scheint. Denn «die Sprache verrät den Menschen», «in lingua veritas», wie Klemperer meinte. Und in einer Diktatur landet man «wejen Ausdrücken», wie es eine Berliner Arbeiterin gegenüber Klemperer einmal ausdrückte, im Gefängnis oder gar im KZ.

So lebt Klemperer damals denn auch nach eigenem Befinden «am Rande der Kultur» oder eben «innerhalb der Unkultur». Er trotzt aber gleichzeitig diesen kulturlosen Zeiten mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten über die französische Aufklärung, über Voltaire und Rousseau, wenn er sie auch für die Schublade schreibt, «säuberlich verpackt und im Schreibtisch verstaut». Öffentlich zeigen kann er seine Arbeiten niemandem, denn «wir leben absolut isoliert, von allen gemieden» und «von Freunden ist nichts zu berichten, denn es sind keine mehr da».

So bleiben die Briefe mit Familienangehörigen, Bekannten und wenigen beruflichen Kollegen, die zum Teil schon in die Emigration gegangen sind und auch das Dresdner Ehepaar (vergeblich) drängen, Deutschland zu verlassen, solange es noch geht, die einzige Verbindung zur Außenwelt. Der jetzt veröffentlichte Briefwechsel kann es mit den zum Teil noch dramatischeren Aufzeichnungen in den Tagebüchern Klemperers nicht ganz aufnehmen, dazu enthalten die Briefe oft allzuviel familiär-persönliche Angelegenheiten ohne allgemeines Interesse mit vielen Wiederholungen.

Aber die Briefe, die 1941 etwa zeitgleich mit der Zwangseinweisung in ein «Judenhaus» und dem Tragen des «Gelben Sterns» abbrechen, umfassen auch Klemperers berufliche Anfänge lange vor der Nazizeit. Von 1904 bis 1933 hatte er zudem ununterbrochen publiziert und sich einen Namen in der Fachwelt gemacht («Ich stand auch schon im Brockhaus und im Meyer»).

Die Briefe geben wie schon Klemperers Tagebücher einen erschütternden Eindruck des Schicksals jener Menschen damals, die «im Namen der deutschen Volksgemeinschaft» ausgegrenzt, isoliert, drangsaliert, verfolgt und in vielen Fällen schließlich in Vernichtungslager deportiert wurden - angefangen im «ganz normalen Alltag», und alle haben zugesehen, wie Klemperer nach dem Krieg auch betonen wird. Klemperer bleibt aber bei allen zunehmenden Zwängen hoffnungsvoll und fatalistisch: «Alles ist möglich, auch Gott.» Und «warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen?»

Diese - vergebliche - Hoffnung hat vielen Menschen im Dritten Reich das Leben gekostet. Klemperer und seine Frau entkommen - Ironie des Schicksals - der unmittelbar bevorstehenden Deportation ins Vernichtungslager in den Wirren des Dresdner Feuersturms nach dem verheerenden Bombenangriff im Februar 1945.

Gleich nach dem Zusammenbruch engagiert sich Klemperer beim kulturellen Aufbau im Osten Deutschlands, tritt der KPD bei (die dort wenig später mit der SPD zur SED zwangsvereinigt wird) und wird Mitglied der Volkskammer der 1949 gegründeten DDR. Er sieht sich jetzt in seinem «ganzen Denken deutsch und kommunistisch» und hält die Trennung in Ost und West für ein «großes Unglück».

Klemperer kämpft darum, «den drohenden deutschen Auseinanderfall zu verhindern», vor allem auch im kulturellen Sinne und warnt ahnungsvoll vor einer «Sprachzerreissung» («hier spricht man ostdeutsch, hier spricht man westdeutsch»). Briefpartner bestätigen Klemperer 1950, «darin sind alle mit Dir und mir einig, daß ein zweigeteiltes Deutschland ein politischer Unsinn, wenn nicht gar ein politisches Verbrechen ist».

So wettert Klemperer denn auch gegen ein «Herumtrampeln im Porzellanladen west-östlicher Kulturbeziehungen», das er auch in Kommentaren der DDR-Zeitungen erkennt. Ein vergebliches Wettern des renommierten Wissenschaftlers, wie er bald erkennen muss, was auch für sein leidenschaftliches Eintreten für ein freies wissenschaftliches Arbeiten an den ostdeutschen Universitäten gilt.

Auch ein Gesetz der DDR-Volkskammer, der Klemperer ja angehört, «zum Schutz des Friedens», stellt sich bald als üble «Allzweckwaffe» zur Verfolgung der politischen Gegner heraus. Schließlich resigniert Klemperer ein Jahr vor seinem Tod (1960) und schreibt 1959: «Die letzten 1 1/2 Jahre haben meinen Glauben tief erschüttert und ich habe mich von allem zurückgezogen.»

Vorher aber hatte er nochmal die Rechnung aufgemacht vor allem mit seinen wissenschaftlichen Kollegen, die im Dritten Reich in ihren Ämtern verblieben waren. Er weigert sich auch, die jetzt von vielen erbetenen «Persilscheine» auszustellen, ihn also als Zeugen für angeblich widerständiges Verhalten im Dritten Reich zu benennen. «Wer als Geisteswissenschaftler diese 12 Jahre im Amt geblieben ist... hat geduckt, hat geschwiegen, hat mitgemacht», schreibt Klemperer. Und der Bruder Georg pflichtet ihm aus den USA bei: «Deutsche Universitätsprofessoren sind verstockte Privilegien-Hüter. Nicht eine Fakultät hat gegen Nazitum opponiert, die meisten waren froh, nun ganz unter sich zu sein.»

Und Victor Klemperer erinnert an seine eigene Entrechtung während der Nazizeit als bis dahin angesehener Hochschullehrer mit «Schlägen, Fußtritten, Bespuckungen, Hunger und ständiger Todesgefahr» und «all die Bestialitäten» im Lande. Was habe er «mitten im kultivierten Dresden (noch nicht einmal KZ oder in Polen, nein, hier)» ansehen müssen.

- Victor Klemperer: Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen. Aufbau Verlag, Berlin, 640 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-351-03661-4.

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen.

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erstellt am 11.Jul.2017 | 15:33 Uhr

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