Aus der Tiefe des Raums : «Universe, Incomplete» bei der Ruhrtriennale

Am Ende gibt es großen Applaus für Christoph Marthalers musikalische Kreation.  
Am Ende gibt es großen Applaus für Christoph Marthalers musikalische Kreation.  

Christoph Marthaler bringt Charles Ives gewaltiges Werk über das Universum in die Bochumer Jahrhunderthalle. Das Kunststück gelingt den rund 150 Musikern in dem Riesenraum erstaunlich gut.

shz.de von
18. August 2018, 13:35 Uhr

So viel Mut, die ganze Größe der Bochumer Jahrhunderthalle zu bespielen, hatte noch kein Team, das sich in der Geschichte der Ruhrtriennale mit diesem Spielort beschäftigt hat.

Christoph Marthaler und seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock verwehren dem Publikum für ihre Kreation «Universe, Incomplete» sogar die regulären Eingänge. Von der Rückseite betritt man nun die Halle, die große Publikumstribüne blickt auf einen fast leeren Raum, in dem sich spärliches, wie bei Viebrock gewohnt abgenutztes Mobiliar fast verliert: Ein endlos langer Tisch mit zahllosen Stühlen, mehrere Tribünen, eine, die an einen Kinosaal erinnert, Kirchenbänke, ein Brückchen, das aus einem Vergnügungspark stammen könnte, eine Wellblechhütte, zwei einsame, verstimmte Klaviere und ein weißer Container, in dem ein Wachmann sitzt. «All bags will be checked» steht dort geschrieben, und das Marthaler-Ensemble steht geduldig an, bis der Wachmann jeden einzeln durchlässt und sich das Personal langsam und bedächtig im Raum verteilt.

«Universe Symphony» des US-amerikanischen Komponisten Charles Ives (1874-1954) ist die Basis dieses Abends, ein gewaltiges Werk, mit dem Ives nichts Geringeres im Sinn hatte, als das ganze Universum von der Entstehung bis zum Ende abzubilden. Die Symphonie blieb allerdings unvollendet und darf nach Ives’ Willen nach Belieben vervollständigt werden. Christoph Marthaler und der musikalische Leiter des Abends Titus Engel haben dies zum Anlass genommen, beherzt die etwa 48 Seiten Partiturskizzen, Particelle und Anweisungen zu ergänzen durch andere Werke von Ives und an das Ende des fast drei Stunden langen Abends eines seiner berühmtesten Werke zu setzen: «The unanswered Question».

Insgesamt etwa 150 Musiker sind beteiligt, darunter das aufgestockte Kollektiv der Bochumer Symphoniker, die aber über weite Strecken des Abends unsichtbar bleiben, mal versteckt neben der Kinotribüne spielen und so den Eindruck erwecken, es würde Filmmusik erklingen und später hinter der Publikumstribüne Aufstellung nehmen. Dorthin ziehen sie allerdings in einem langen Gänsemarsch quer durch die Halle, angetan ganz klassisch in schwarzem Tuch und Frack. Die restlichen Musiker tragen Knickerbocker und Schiebermützen und sind auch darstellerisch höchst aktiv, einer der Schauspieler läuft immer wieder aufgeregt mit einer Tuba unterm Arm durch die Halle, als würde er sein Orchester nicht finden.

Wie man es von Christoph Marthalers versponnenen und die Langsamkeit feiernden Abenden kennt, erzählt er auch mit «Universe, Incomplete» keine große, stringente Geschichte, sondern unendlich viele kleine der Einsamkeit und des Scheiterns, zeigt lächerliche Rituale, Zwangshandlungen und alltägliche Ungeschicklichkeiten. Einmal marschieren die Darsteller als Paare hintereinander her und der Hinterer tippt dem Vorderen immer wieder auf die Schulter, als hätte er eine Frage. Aber der Vordere geht unbeirrt weiter. Ein Schauspieler trägt mühsam einen Stapel Gebetsbücher, erst fällt eines herunter, dann rutschen die anderen hinterher, er sammelt einzelne wieder auf, alles verrutscht erneut und so geht es quälend weiter. Immer wieder stolpern die Darsteller, fallen hin, rappeln sich wieder auf, dann verhaken sie sich ineinander und brauchen eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich wieder entknotet haben.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Kommunikation der Musiker über die weiten Strecken des Riesenraums frappierend präzise bleibt und die Klänge durchhörbar bleiben. Bewundernswert auch das Timing der Regie und überhaupt der kühne Zugriff auf den Raum und die souveräne Personenführung. Dennoch hat der Abend auch nicht beabsichtigte Längen. Denn die Darsteller sind häufig einfach viel zu weit weg, ihre Mimik ist nur zu ahnen und auch die Texte bleiben teils unverständlich. Marthalers feinsinniges Theater, das nie auf große Effekte zielt, braucht eben eine gewisse Intimität, um seine ganze Kraft zu entfalten.

So bleiben starke Momente und vor allem die musikalische Überwältigung von diesem Abend. Am Ende gibt es großen Applaus in der Jahrhunderthalle und spürbare Erleichterung bei den Machern. In der Summe ist «Universe, Incomplete» ein Erfolg für das Festival, das dringend gute Nachrichten braucht. Denn seit Wochen steht Stefanie Carp, die neue Intendantin des renommierten Edel-Festivals, im Zentrum einer kontrovers geführten politischen Debatte, über der künstlerische Fragestellungen weit in den Hintergrund gerückt waren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert