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Landesbibliothek Kiel : Ulrich Behl: Das Vergnügen am Experiment

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek in Kiel widmet Ulrich Behl zu seinem 75. Geburtstag eine große Retrospektive.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2014 | 07:01 Uhr

Kiel | Er ist bekannt für sein künstlerisches Spiel mit Schatten und Licht: der Kieler Zeichner und Objektemacher Ulrich Behl. Mit seinen Bildern, Papierobjekten oder metallischen Wasserplastiken hat er es bis zur Venedig-Biennale geschafft. Aus Anlass seines 75. Geburtstags hat ihm die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek in Kiel eine umfangreiche Retrospektive eingerichtet.

Wer die eher strengen und reduzierten Arbeiten des Kieler Künstlers kennt, hat jetzt die Gelegenheit zur Horizonterweiterung. Denn wie die meisten Künstler hat auch er die Spielarten der Künste einst durchdekliniert: von der gegenständlichen Porträtmalerei über Materialbilder bis zur abstrakten Kunst. Farbenprächtig schillert da das Antlitz von Georg Marx als eines seiner besten Freunde im Goldrahmen, gemalt 1962. Nur in Schwarz-Weißtönen entstand zur gleichen Zeit ein Kinderbild, gemalt in rund zehn Minuten. Daneben werden abstrakte Werke präsentiert, teils mit zentimeterdicken Farbschichten, in die Gegenstände eingearbeitet sind wie hölzerne Bratenspieße oder Metallteile einer Gasmaske. Behl hatte schon damals ein ausgesprochenes Vergnügen am Experiment, an der räumlichen Wirkung der Dinge wie auch am Fabulieren. Da gibt es eine Reihe von Zeichnungen, die einzig aus der inhaltsfreien Aneinanderfügung von Strukturen entstanden.

Werke eines halben Jahrhunderts zeigt die Schau, mit der Behl nebenbei noch sein 50-jähriges Ausstellungsjubiläum feiert. Denn 1964 wurden seine Bilder erstmals im Hannoveraner Kunstverein gezeigt. Der 1939 im pommerschen Arnswalde geborene Künstler war 1945 durch Flucht mit seiner Familie in den Hannoveraner Raum gekommen. Er hatte an der pädagogischen Hochschule studiert, vor allem bei dem vom Bauhaus beeinflussten Kurt Schwerdtfeger – was starke Auswirkungen auf Behls spätere Kunst hatte. Danach studierte er an der Hannoveraner Werkkunstschule bei Raimund Girke und Rolf Hartung, darüber hinaus Kunstgeschichte in Kiel. Er arbeitete als Kunsterzieher an Schulen, als Dozent an Volkshochschulen und der Pädagogischen Hochschule Kiel, war Jahrzehnte lang Fachbereichsleiter der Kieler Volkshochschule. Und es gab bis heute kaum eine kulturelle Debatte, in welche sich der quirlige Denker und Redner nicht lautstark eingemischt hätte. Doch in seiner Kunst ist es seit Jahrzehnten sehr ruhig – ja meditativ geworden. Schon 1967 zeigte sein „Kleines Lichtspiel“, wohin die Reise gehen sollte: Es ist die zarte Bleistiftzeichnung eines Rautenmusters, das zart dem Hell und Dunkel, den Licht- und Schattenzonen nachspürt. In den 70er Jahren arbeitete er sich hundertfach an der Darstellung des metallischen Glanzes von Rasierklingen ab oder an Küchenreiben oder an scheinbar hingehauchten „Verwehungen“ von Sand oder Schnee. Dieses Prinzip übertrug er auch auf Objekte aus weißem Papier. Und er hat bis heute eine diebische Freude daran, dass an den Faltspalten – also da, wo nichts ist – die dunklen, formzeigenden Zonen entstehen.

Ähnlich konsequent hat er sich in jüngerer Zeit der Systematik von Lottoscheinen gewidmet, indem er aus den Kreuzpunkten der Gewinnzahlen grafische Flächen entwickelte. Dem Zufall hat er aber auch auf andere Weise grafische Gestalt gegeben – etwa mit seinen Tischtennisbildern die durch das Schlagen eingefärbter Bälle auf Papierbögen entstanden. Doch in feinen Zeichnungen wie in Objekten setzt der Künstler auch immer wieder starke Farben ein. So wirbt eine farbschillernde Rasierklinge für seine aktuelle Ausstellung, und mehrfach war in Ausstellungen sein Feld mit bunten Plastikröhrchen in Mauersteinen zu sehen.

Der größte Stolz Ulrich Behls wurde indes 1995 seine Teilnahme an der Artelaguna im Rahmen der Venedig-Biennale mit metallenen Schwimmstelen. Und bis heute schwimmen in den Sommermonaten seine blinkenden Dreiecke im Kleinen Kiel mit den Wasservögeln um die Wette. Viele große Kunsthäuser haben dem Wahlkieler inzwischen Ausstellungen gewidmet, er war 1997 gar Ehrengast der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Und so nimmt es kaum Wunder, dass zahlreiche Künstler und Vertreter des Kunstbetriebs zu seinen Freunden zählen – darunter der schillernde Hannoveraner Künstler Timm Ulrichs. Zur Finissage der Ausstellung am 22. September, dem 75. Geburtstag Ulrich Behls, treffen die beiden als „Zwei Hannoveraner in Kiel“ zum moderierten Gespräch mit den Kuratoren Bärbel Manitz und Martin Henatsch aufeinander.
 

>Ausstellung: Kiel, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Wall 47-51. Bis 22. September, Di-Fr + So 11-17 Uhr. Finissagegespräch am 22. September, 19 Uhr.





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