Glücklich und gelöst : Thomas Quasthoff: Comeback mit Bigband-Jazz

Seine «verletzte Seele» ließ den großen Sänger Thomas Quasthoff vor einigen Jahren zeitweise verstummen. Nach Live-Auftritten kehrt er nun mit einem neuen Album zurück.

shz.de von
21. Mai 2018, 05:00 Uhr

Die Traurigkeit nahm ihm seine grandiose Stimme zum Glück nicht auf Dauer. «Es war eine Kopfsache. Ich hatte eine verletzte Seele», sagt Bassbariton Thomas Quasthoff über die schwere Zeit nach dem Tod des geliebten Bruders Michael und die mehrmonatige Krise seiner Ehe.

Nun sei die Stimme zurück - und er wieder ein «sehr glücklicher Mensch». Glücklich und gelöst klingt der 58-jährige Wahl-Berliner auch auf dem Bigband-Album «Nice 'n' Easy». Ein sehr gelungenes Comeback - nicht im klassischen Fach, das ihn vor rund 20 Jahren zum Weltstar machte und von dem er 2012 zurücktrat, sondern im Jazz.

Mit der opulent arrangierten neuen Platte ging für Quasthoff ein Wunschtraum in Erfüllung. Eine Woche lang war er im Januar mit der NDR-Bigband unter Leitung von Jörg Achim Keller in einem Hamburger Studio, um zwölf Lieder einzuspielen: US-amerikanische Standards von George und Ira Gershwin («But Not For Me») über Richard Rodgers/Oscar Hammerstein II («Some Enchanted Evening») und Arthur Hamilton («Cry Me A River») bis zu einem Pop-Klassiker von John Lennon («Imagine»).

Bei der Songauswahl orientierte sich Quasthoff an persönlichen Favoriten, es gab keine Vorgaben seines neuen Labels Sony: «Ich habe auch diesmal wieder nur Titel ausgesucht, die ich gerne singe», sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Das war schon bei früheren Ausflügen in Jazz, Pop und Soul so, mit den gefeierten, auch kommerziell erfolgreichen Alben «Watch What Happens» (2007) und «Tell It Like It Is» (2010).

Die zeitweise verloren gegangene, tiefe, warme Quasthoff-Stimme lässt auch betagte und vielleicht schon zu oft gespielte Balladen wie «Body And Soul», «I Remember You» oder «Willow Weep For Me» neu erblühen. Die NDR-Bläser und eine 15-köpfige Streichergruppe steuern Swing und Schmelz bei, die bewährten Begleiter Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Kontrabass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) spielen zurückhaltend und sensibel. Bei zwei Stücken schaut der Berliner Star-Trompeter Till Brönner vorbei.

Das befürchtete Karriere-Ende hat Thomas Quasthoff also vertagt. Beim freiwilligen Rückzug von der Klassik will er konsequent bleiben: «Das ist durch», er müsse da nach drei Grammys und etlichen Echo-Preisen wirklich nichts mehr beweisen, und «letztendlich war die Entscheidung genau richtig». Aber Jazz will er «noch ein paar Jahre machen - wenn die Stimme mitspielt». Im Jazz könne er nämlich «die Tonarten so wählen, dass es für mich total bequem und angenehm ist, zu singen».

Diese Pläne bedeuten für Quasthoff auch: Konzerte gehören weiter dazu. «Im Jazz wird kein Mensch allein mit CD-Verkäufen Millionär, kein Gregory Porter, kein Till Brönner», sagt er. Und betont: «Live zu spielen macht mir so viel Freude.»

Bei diesen Auftritten reizt der große kleine Mann mit der mächtigen Stimme seinen Charme aus, und er genießt das vertraute Zusammenspiel mit «meinen drei Jungs» Chastenier, Ilg und Haffner. «Zwischen uns vieren passiert im Konzert wirklich etwas Besonderes», sagt Quasthoff. Zudem kämen die Leute ja auch deshalb in Scharen zu seinen Auftritten, «weil der Thomas Quasthoff eine Marke ist. Nicht, weil sie einen Mann mit sieben Fingern sehen wollen, der 1,35 Meter groß ist.» Seinen selbstironischen Humor hat er nicht verloren.

In den Songs von «Nice 'n' Easy» erstaunt erneut, wie authentisch Quasthoffs Jazz-Gesang ist. «Er hat dieses Instrumentarium Stimme mit einer so großen, jahrelang trainierten Selbstverständlichkeit unter Kontrolle», hebt NDR-Bigband-Chef Keller hervor. «Dennoch - er singt Jazz keineswegs mit klassischer Stimme. Man merkt, dass er genau weiß, worum es in dieser Musik geht.» Ein Kompliment, das Quasthoff in seinem Kurswechsel erneut bestätigen dürfte.

Konzerte: 20.5. Hildesheim, 23.5. Köstritz, 10.6. Frankfurt/Main, 18.6. Graz, 30.6. Bielefeld Essen, 3.7. Wien, 24.8. Lüneburg, 25.8. Hamburg

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