Ende einer Trilogie : Terézia Mora: Selbstfindung in Brüchen des Alltags

Die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora schließt ihre Trilogie ab.
Die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora schließt ihre Trilogie ab.

«Das Ungeheuer» hat Terézia Mora den Deutschen Buchpreis eingebracht, dann folgte der Büchner-Preis. Jetzt findet die Geschichte ihren Abschluss mit «Auf dem Seil». Der emotionale Balance-Akt führt von Sizilien nach Berlin.

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10. September 2019, 14:17 Uhr

Darius Kopp ist stiller geworden. «Es ist etwas Mönchisches in mein Leben gekommen, das ich nie vermutet hätte», lässt Terézia Mora ihren Romanhelden im letzten Teil der Romantrilogie sagen. Unter dem Titel «Auf dem Seil» führt die Autorin die Geschichte zu einem vorläufigen Ende.

Auch nach der letzten Seite bleibt den Leserinnen und Lesern Raum, sich durch die mitunter parzivaleske, zumindest unverdrossen naive Lebenswelt von Darius Kopp zu tasten.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat die «eminente Gegenwärtigkeit» im Werk von Terézia Mora hervorgehoben, als sie ihr im vergangenen Jahr den Georg-Büchner-Preis verlieh. Diese Gegenwärtigkeit wird auch mit dem Erscheinen des Abschlussbands der Trilogie nicht zur Vergangenheit. So ertappen sich Moras Leser dabei, wie sie eigene Alltagssituationen und Brüche zur Realität ähnlich lakonisch betrachten wie Darius Kopp.

«Auf dem Seil» lässt sich auch ohne die beiden ersten Titel «Der einzige Mann auf dem Kontinent» (2009) und «Das Ungeheuer» (2013) lesen. Dann ist es die Geschichte der fürsorglichen Liebe eines 50-Jährigen zu seiner plötzlich auftauchenden Nichte. Es ist eine Geschichte, die mit dem Namen des neugeborenen Mädchens der 17-Jährigen endet: Gioia - das italienische Wort für Freude, für eine Freude trotz alledem.

In Italien landet Darius Kopp nach einer unruhigen Odyssee durch Südosteuropa, die Mora in «Das Ungeheuer» beschrieben hat, mit eindringlichen Impressionen aus Ungarn, wo die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Auf Sizilien kommt Darius Kopp zur Ruhe, weil er am Ätna endlich die Asche seiner Frau Flora verstreuen kann. Im zweiten Teil der Trilogie, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, ist die unter Depressionen leidende Flora auch nach ihrem Tod überaus präsent, mit Notizen und Tagebuchgedanken, die nicht linear und quer zur Haupterzählung gestellt sind.

Aus der Verlusterfahrung des Todes gelangt Darius Kopp zur Selbstfindung, zur Neubestimmung von Beziehungen zu Menschen wie zur Arbeit. Die Stellung im Beruf, die im ersten Teil noch einen hohen Stellenwert hat für den Vertreter einer internationalen IT-Firma, für ihren «einzigen Mann auf dem Kontinent», tritt nun völlig in den Hintergrund. Arbeit soll den Lebensunterhalt sichern, das geht auch in einer Pizzeria auf Sizilien.

Das unstete Leben findet seine Grenzen in der Verantwortung für andere. Darius Kopp kümmert sich rührend um Lore, die Tochter seiner Schwester, geplagt von Eifersucht auf seinen jüngeren Arbeitskollegen Metin. Er lässt das schwangere Mädchen nicht allein nach Berlin fahren und kommt so an den Ausgangspunkt seiner langen Reise zurück. Jetzt wollen die Bruchstücke des alten Lebens neu geordnet und zusammengefügt werden. Was sich in Berlin mit seinem knappen Wohnraum als nicht so einfach erweist.

Terézia Mora gelingen einfühlsame Schilderungen wie das Wiedersehen von Darius Kopp mit seiner Mutter, ein Fußbad für Lore oder der ruppige bis versteckt zärtliche Umgang mit alten Freunden. Mit dem Abschluss der Trilogie wird klar, was Mora meinte, als sie im vergangenen Jahr vor der Verleihung des Büchner-Preises sagte, sie befinde sich beim Schreiben auf der «Zielgeraden der Melancholie».

Auf dieser ist etwa eine Szene verortet, in der Darius Kopp trotz Geldnöten eine große Tüte mit Delikatessen für Lore und Metin kauft, in froher Erwartung eines entspannten Abends, die jäh zerplatzt: «Niemand da. In der Küche, im Schlafzimmer, im Bad. Niemand und keine Sachen. Sie und ihre Sachen waren nicht da.» Die knappe Syntax, in den ersten Sätzen ohne Verb, ohne Bewegung, lässt die Leser mit erstarren.

Die Geschichte von Darius Kopp darf noch eine Weile nachklingen, zumindest für die dem Romanhelden zur Gewohnheit gewordene Runde um den Block. Terézia Mora aber hat bereits den nächsten Roman im Blick, wie sie bereits zur Verleihung des Büchner-Preises angekündigt hat - mit einer neuen, weiblichen Figur im Mittelpunkt.

- Terézia Mora: Auf dem Seil. Verlag Luchterhand, 359 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-630-87497-5.

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