Welt im Wandel : Technik-Zeitreise: «Die Verwandlung der Dinge»

Das Cover des Buches «Die Verwandlung der Dinge» von Bruno Preisendörfer (Ausschnitt). Kiepenheuer & Witsch
Das Cover des Buches «Die Verwandlung der Dinge» von Bruno Preisendörfer (Ausschnitt). Kiepenheuer & Witsch

Wie sind die Großeltern eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab? Diese - nicht erfundene - Enkelfrage zitiert der erfolgreiche Sachbuchautor Bruno Preisendörfer in seinem neuen Buch über die technische Entwicklung im Alltag seit 1950.

shz.de von
15. Mai 2018, 11:09 Uhr

Der ungewöhnlichste Tonträger in der Mediengeschichte ist vielleicht die Goldene Schallplatte, die von den Amerikanern 1977 mit der Raumsonde Voyager 2 ins All geschickt wurde.

Damit sollten mögliche Außerirdische unter anderem mit Bachs Brandenburgischen Konzerten und der Arie der «Königin der Nacht» aus Mozarts «Zauberflöte» erfreut werden.

Sofern sie über entsprechende Abspielmöglichkeiten verfügten. Darüber kann man lächeln, aber man braucht keine Zeitreise ins endlose Weltall anzutreten, um über das Verfallsdatum von modernen Tonträgern und Abspielgeräten ins Grübeln zu kommen.

Man denke allein an die einstmals als «Jahrhundert-Neuerung» gepriesenen VHS-Videokassetten, für die es schon einige Jahrzehnte nach ihrer Einführung heute keine Abspielgeräte mehr auf dem Markt gibt und deren Filmmaterial zudem bereits wieder in langsamer Auflösung begriffen ist.

Diese beiden Beispiele schildert der Sachbuchautor Bruno Preisendörfer («Reise in die Goethezeit») in seinem neuen Buch «Die Verwandlung der Dinge - Eine Zeitreise von 1950 bis morgen». Er erinnert unterhaltsam und detailreich an viele heute schon wieder meist vergessene Dinge des Alltags und erzählt dabei pointenreich die Technikentwicklung im Alltag der Menschen seit Ende des letzten Krieges vor allem im Medienbereich. Das Staunen des Lesers deckt sich womöglich mit der - nicht erfundenen - Enkelfrage, die Preisendörfer zitiert: «Wie sind die Großeltern eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?»

Wer weiß übrigens, dass das «cc» in jeder E-Mail (auch schon fast veraltet) noch für «carbon copy» steht und aus jener Zeit stammt, als man beim Schreiben mit der Schreibmaschine zum Kopieren hinter das erste Blatt Papier noch ein Kohlepapier in die Schreibmaschine spannte. Der 1963 geborene Preisendörfer wurde noch mit einer Schiefertafel im Schulranzen eingeschult und gerechnet wurde mit einem Rechenschieber, es gab Langspielplatten, Kofferradios «für unterwegs», die die «Halbstarken» gerne abends laut aufgedreht an beliebten Treffpunkten durch die Stadt trugen. Und im Wohnzimmer der Eltern stand eine Musiktruhe mit Radio und Plattenspieler, wenn möglich mit einem Zehn-Platten-Wechsler.

Die selbstbespielte Musikkassette wurde in Deutschland 1963, die erste Compact-Disc (CD) hierzulande 1981 auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt. Dort gab auch der damalige Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt 1967 den - etwas missglückten - Startschuss für das Farbfernsehen in Westdeutschland.

Dass revolutionäre technische Entwicklungen nicht nur von Ingenieuren, sondern auch mal von Schriftstellern und nicht nur von Jules Verne vorausgesagt wurden, zeigt das vom Autor satirisch gemeinte Beispiel Erich Kästner, an den Preisendörfer erinnert. Dieser hatte schon 1931 in seinem Kinderroman «Der 35. Mai» eine «automatische Stadt» namens «Elektropolis» geschildert: «Die Autos fahren ganz alleine, ohne Schofför, und ohne Steuerung», mit Hilfe einer «Koppelung eines elektromagnetischen Feldes mit einer Radiozentrale». Preisendörfer bemerkt dazu allerdings auch, dass es seinerzeit leichter gefallen sei, sich «selbstfahrende Autos vorzustellen als solche, die von Frauen gesteuert wurden».

In Kästners Roman kommt übrigens auch schon das mobile Telefon mit den heute bekannten öffentlichen Begleiterscheinungen vor: Ein Mann «zog einen Telefonhörer aus der Manteltasche, sprach eine Nummer hinein und rief: «Gertrud, hör mal, ich komme heute eine Stunde später zum Mittagessen. Wiedersehen, Schatz!»»

Vom «Lichtspieltheater» an der Ecke, wie die Kinos noch in den 50er Jahren hießen, bis zum Streaming im Internet geht die Reise des Autors, immer wieder auch amüsant kommentiert von eigenen Erfahrungen. Vorbei die Zeiten, als es noch einen veritablen «Filmriss» beim Filmvorführer in seiner Kino-Kabine gab und die riesigen und schweren Filmrollen gewechselt werden mussten oder als das Fernsehprogramm sich um Mitternacht mit einem «Testbild» verabschiedete.

Das waren die Zeiten, als die «aktuellen» Filme für die «Tagesschau» aus allen Teilen der Welt noch per Flugzeug ins Hamburger oder Mainzer Sendezentrum geflogen werden mussten, natürlich auch nach Adlershof in Ost-Berlin für die «Aktuelle Kamera». Dieser Transportweg galt übrigens auch für die Filme von den Bundesligaspielen für die abendliche Sportschau.

Die digitale Welt verändert fast alles im Alltagsleben, wie zum Beispiel das Online-Banking mit der Schließung von immer mehr Bankfilialen und der damit auch hier einhergehenden Einschränkung des zwischenmenschlichen Kontakts im Geschäftsleben und Alltag. Es werden auch nicht nur immer weniger Briefe geschrieben, es wird auch weniger telefoniert. Tweets und Whatsapps ersetzen das menschliche Gespräch, auch im Elternhaus, wenn der Autor fragt: «Soll man das Minitexten wenigstens am Mittagstisch unterbinden? Soll man darauf bestehen, dass einem der Nachwuchs beim Gespräch in die Augen sieht statt aufs Display?»

Und das Wort «Lebenserfahrung» hat für Preisendörfer eine neue Bedeutung erhalten, die Kinder müssen ihren Eltern die schnell gewonnenen Erfahrungen in der modernen Kommunikationstechnik vermitteln. Der Autor selbst vermittelt auch anhand persönlicher Erfahrungen ein spannend erzähltes Stück Kulturgeschichte seit 1950, auch wenn er sich dabei manchmal in allzuviel Einzelheiten verliert. Aber er erzählt das alles ohne allzuviel Nostalgie «der Alten» mit viel Neugier - und Skepsis - für Kommendes, mit eine angenehmen Portion Ironie und Gelassenheit.

- Bruno Preisendörfer: Die Verwandlung der Dinge. Eine Zeitreise von 1950 bis morgen, Galiani Verlag, Berlin, 270 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-86971-166-9.

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