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Fotoserie : Tatorte der NSU-Morde: Aus nächster Nähe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Fotografin Regina Schmeken hat die Tatorte der NSU-Morde besucht – und in beeindruckenden Fotos festgehalten.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2017 | 10:47 Uhr

Der Blick geht meist nach unten, dorthin, wo die Leichen gelegen haben. Auf Sand und Teer, auf Pflastersteine und Schotter. Dort lagen die Opfer der sogenannten NSU-Morde in ihrem eigenen Blut. Zehn Menschen, erschossen aus nächster Nähe. Kaltblütig hingerichtet von Neonazis, von rechten Terroristen.

Die Mordserie des NSU beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit seit Jahren, am Dienstag hat sich der Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter, die mitten am Tag in Heilbronn mit einem Kopfschuss getötet wurde, zum zehnten Mal gejährt. Sie war das letzte Opfer einer Mordserie, die am 9. September 2000 in Nürnberg begann, als der Blumenhändler Enver Simsek mit acht Kugeln aus zwei Pistolen niedergeschossen wurde.

Die Fotografin Regina Schmeken hat sich aufgemacht zu den Tatorten dieser Verbrechen. Sie hat die Plätze besucht, die so unscheinbar sind, dass sie überall sein könnten. Durch die unfassbare Tat aber sind sie gezeichnet, und in den Bildern versucht der Betrachter unweigerlich, Anzeichen der Tat zu entdecken. Die Pfütze an dem Ort des Mordes an Enver Simsek erinnert an eine Blutlache, der Blick entlang der Fahrbahnmarkierung auf dem Heilbronner Marktplatz, nimmt nicht zufällig die Perspektive des Opfers Michele Kiesewetter ein.

Schmeken wollte das Unfassbare dieser scheinbar willkürlichen Gewalt abbilden und – ebenfalls aus nächster Nähe – der Ermordeten gedenken. „An Schmekens Aufnahmen wirkt gerade das Unauffällige, Banale und Gewöhnliche unheimlich“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinem Vorwort. Es sind in der Tat unheimliche Fotos, nicht nur weil sie in schwarz-weiß gehalten sind, sondern weil sie die vermeintliche Banalität der Wahl von Tatort und Opfer zum Ausdruck bringen.

Tatort in Nürnberg: Eine Pfütze, wo der Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 mit acht Kugeln niedergeschossen wurde.
Tatort in Nürnberg: Eine Pfütze, wo der Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 mit acht Kugeln niedergeschossen wurde. Foto: Regina Schmeken
 

Es gibt eine eindrucksvolle TV-Dokumentation des Journalisten Stefan Aust, die den Motiven der NSU-Morde und dem Versagen der Behörden im Kampf gegen rechten Terror nachforscht. Darin fasst einer der Ermittler die wesentlichen Fragen zusammen: „Warum diese Opfer? Warum diese Orte?“

Die Antwort auf diese Fragen könnte eine Frau geben, die in Schmekens Fotobuch „Blutiger Boden“ ganz bewusst kaum eine Rolle spielt: Beate Zschäpe. Der Prozess gegen die NSU-Terroristin geht in München gerade in seine Endphase, aber über die Motive der Täter kann bislang nur gemutmaßt werden – denn Zschäpe schweigt dazu.

Tatort in Dortmund: Der dreifache Familienvater Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk vom NSU ermordet.
Tatort in Dortmund: Der dreifache Familienvater Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk vom NSU ermordet. Foto: Regina Schmeken
 

Dafür spricht der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der wie Enzensberger ein Vorwort beigesteuert hat: „Die gottlosen Mörder lebten für die Idee der Auslöschung und Vernichtung. Das Seelenlicht der Unschuldigen können sie nicht löschen. Wir vergessen nicht. Wir vergeben nicht. Und wir erinnern uns an die Menschen, denen die NSU-Verbrecher das Leben nahmen.“

  • Regina Schmeken: Blutiger Boden. Hatje Cantz Verlag, 144 Seiten, 35 Euro.
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