„Die Musik stirbt zuletzt“ : „Tatort“ aus der Schweiz: Eine Frage der Einstellung

Was den 14. Schweizer „Tatort“ einzigartig macht: Die gesamte Handlung wurde in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht.

Was den 14. Schweizer „Tatort“ einzigartig macht: Die gesamte Handlung wurde in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht.

Pompöses Set, atemlose Story, verwirrende Figuren – und eine einzige Kameraeinstellung. Der erste „Tatort“ nach der Sommerpause ist ein Hingucker.

shz.de von
06. August 2018, 06:26 Uhr

Mit solch einem Knaller hat sich der „Tatort“ schon lange nicht mehr aus einer Sommerpause zurückgemeldet. Pompöser Set, atemlose Story, verwirrende Figuren. Und das alles in einer einzigen Kameraeinstellung. Soll heißen: Auch wenn die Mordermittlungen bei einer Benefizgala im Luzerner Konzerthaus über Stock und Stein führen, durch alle Ecken und Winkel des Hauses und über viele Stunden hinweg – die Kamera bleibt von Anfang bis Ende in einer einzigen Bewegung. Ohne Schnitt und Komma. Ein „Tatort“ in Echtzeit, als wären die Zuschauer live dabei.

Miriam und Vincent Goldstein (Teresa Harder, Patrick Elias) sind Mitglieder des „Jewish Chambers Orchestra“, das auf Wunsch des schwerreichen Uralt-Unternehmers Walter Loving (Hans Hollmann) zu Gast in Luzern ist. Nicht zuletzt, um Loving zu ehren, der in der NS-Zeit zahlreichen Juden zur Flucht verholfen und ihr Leben gerettet hat. Doch statt sich bei dem ehrbaren Greis zu bedanken, planen die Goldsteins, Loving vor aller Welt bloßzustellen. Denn der war womöglich nicht nur Retter, sondern mehr noch Profiteur im Juden-Fluchtgeschäft.

Aber dazu kommt es nicht. Ein Giftanschlag auf Vincent löst ein komplettes Chaos hinter der Bühne aus und ruft die Kommissare Flückiger und Ritschard auf den Plan (Stefan Gubser, Delia Mayer). Nur, wie sollen sie in dem losbrechenden Wirrwarr vernünftig ermitteln? Schon geht das Sterben weiter, macht sich Panik breit, wird das Opern- zum Tollhaus.

Autor und Regisseur Dani Levy („Alles auf Zucker!“) löst mit seinem One-Shot-Drama einmal mehr eine Kaskade so voller Tragikomik und maliziöser Gestalten aus, dass manchem Hören und Sehen vergehen mag. Doch das überragende Ensemble, die perfekt dramatisierte (organisierte) Story und der böse Schalk, der über allem tödlichen Ernst liegt, machen Levys Film-Experiment zu einem echten Hingucker. Zu einer Frage der Einstellung. Einer einzigen, filmischen – und jener zum Umgang mit dem Holocaust. Das muss ja „knallen“!

> „Tatort – Die Musik stirbt zuletzt“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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